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Wiesbaden: Boom beim Imkerverein

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Von: Mirjam Ulrich

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Imker Siggi Schneider bei der Arbeit mit den Bienen. Michael Schick
Imker Siggi Schneider bei der Arbeit mit den Bienen. Michael Schick © Michael Schick

Imkern und Bienenhaltung liegen seit Jahren im Trend. Auch in Wiesbaden.

Aus dem geöffneten Bienenstock in Siggi Schneiders Garten duftet es nach Bienenwachs. Vorsichtig löst der Delkenheimer Imker mit dem Stockmeißel einen der hölzernen Rahmen mit Bienenwabe vom Rand des Holzkastens, der Beute. Behutsam hebt er den Rahmen mit den Honigbienen heraus und setzt ihn in eine leere Beute daneben ein: Ein junges Bienenvolk zieht um. Weder er noch die Imkerin, die dieses Volk abholt, tragen dabei Schutzkleidung. Die Bienen bleiben ruhig, nur ein paar wenige fliegen summend herum.

Imkern und Bienenhaltung in der Stadt liegen seit einigen Jahren im Trend. „Der Dokumentarfilm ‚More than Honey‘ weckte gerade bei vielen jungen Leuten das Interesse“, sagt Siggi Schneider, Vorsitzender des Imkervereins Wiesbaden. Auch der 1865 gegründete Verein verdreifachte in den vergangenen zehn Jahren seine Mitgliederzahl auf rund 330. Sie pflegen im Stadtgebiet etwa 1600 Bienenvölker, von denen 250 bis 300 in der Innenstadt Nektar sammeln.

„Stadthonig zeichnet sich durch eine große geschmackliche Vielfalt aus“, erläutert Schneider. In der Innenstadt gibt es Friedhöfe und Parks, aber keine großen landwirtschaftlichen Flächen. Doch nur etwa 20 Prozent des in Deutschland verzehrten Honigs stammt auch von hier. „Honig kann man importieren, Bestäubung nicht“, sagt der Imker und erinnert daran, dass 80 Prozent der Kulturpflanzen von Insekten bestäubt werden – vorwiegend von Bienen. Doch Wildbienen und andere Insektenarten sterben aufgrund des Klimawandels, Flächenverbrauchs und der intensiven Landwirtschaft weg. Von den etwa 560 Bienenarten hierzulande sind laut Schneider 260 extrem bedroht. „Eine Honigbiene fliegt drei Kilometer weit, eine Wildbiene nur 300 Meter“, weiß er. In diesem Radius müsse sie nicht nur die Futterpflanze finden, auf die sie spezialisiert sei, sondern auch Nistmöglichkeiten.

Damit Insekten in Wiesbaden im Frühjahr mehr Nahrung finden, richtet der Imkerverein zusammen mit dem Grünflächenamt seit 2018 auf Friedhöfen Sammelstellen für abgeblühte Blumenzwiebeln ein. Mit Erfolg: Im vorigen Herbst pflanzten sie auf dem Nordfriedhof 10 000 gerettete Blumenzwiebeln in eine Wiese ein. Von „Bienenboxen“ für den Balkon oder Garten hält Siggi Schneider hingegen nichts, er nennt sie „Bienenvernichtungsmaschinen“. Die Boxen sind ihm zufolge so konstruiert, dass die Besitzer:innen den Bienen gar nicht die zu bestimmten Zeiten nötige imkerliche Unterstützung geben können. Dazu zählt etwa, dem Bienenvolk während der Schwarmzeit, wenn es wächst, mehr Raum zu geben oder die Varroamilbe in den Griff zu bekommen. „Außerdem haben die Leute nicht gelernt, mit Bienen umzugehen“, sagt Schneider. Er kenne keinen einzigen Fall, dass ein Bienenbox-Volk ein Jahr überlebt habe.

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Die Blumenzwiebeln sammelt der Imkerverein in der Zeit von Ostern bis zu den Eisheiligen auf 21 Friedhöfen in Wiesbaden.

Einen „Bienen-Ausflug“ bietet die Volkshochschule Schierstein am Sonntag, 7. Mai, von 10 bis 12 Uhr an. Information und Anmeldung unter

www.vhs-schierstein.de

Im Internet unter imkerverein- wiesbaden.de finden sich im Internet weitere Informationen und Adressen von lokalen Imkern. miu

Der Wiesbadener Imkerverein schult Imker:innen. Der theoretische Teil der Ausbildung lässt sich online lernen, die praktische Ausbildung im Bienenlehrpark im Aukamm dauert ein Bienenjahr. Den Neulingen stehen auch außerhalb der Treffen erfahrene Imker:innen mit Rat zur Seite. „Bienenhaltung wird oft als einfach dargestellt, aber man hat Verantwortung und muss fürs Imkern Zeit mitbringen.“ Ein längerer Urlaub zwischen Mai und Oktober ist nicht drin, daher empfiehlt der Verein, gegebenenfalls in der Gruppe zu imkern.

Schneider selbst hat das Imkern wieder angefangen, nachdem er 2011 als stellvertretender Pressesprecher der Landeshauptstadt in Rente gegangen war. Bereits als Jugendlicher hatte er einem Imker geholfen. Bei seinen Bienenvölkern verbringt er täglich Zeit. Die größte Freude am Imkern ist für ihn, die Bienen zu beobachten und die Verbindung mit der Natur.

Um diese Freude und das Wissen auch Kindern zu vermitteln, rief der Verein vor acht Jahren das Projekt „Bienen im Klassenzimmer“ an der Delkenheimer Grundschule ins Leben. Drittklässler betreuen mit den Imkern zudem sechs Bienenvölker auf dem Schulgelände. Seit 2019 gibt es außerdem den interaktiven „Bienenlehrpfad“ im Apothekergarten. An zehn Infostationen erfahren Interessierte Wissenswertes über Bienen, QR-Codes führen zu weiteren Informationen.

Wer etwas für Bienen und Insekten tun will, verzichtet auf Geranien und pflanzt stattdessen auf dem Balkon bienenfreundliche Blumen oder mediterrane Kräuter wie Thymian, Rosmarin oder Lavendel. Im Garten eignen sich Stauden und blühende Hecken statt Rasen und Schotterbeet. Insektenhotels helfen ebenfalls.

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