1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Wiesbaden

Wiesbaden: Behinderte Menschen zeigen ihre Kunst

Erstellt:

Kommentare

Künstler Christian Martiny mit seinen Werken.
Künstler Christian Martiny mit seinen Werken. © ROLF OESER

In der Ausstellung „Art Brut – Mal anders staunen“ in der Schwalbacher Straße werden Bilder gezeigt, die Menschen mit geistiger Beeinträchtigung gemalt haben. Entstanden sind die Werke im Atelier der Evim-Behindertenhilfe.

Christian Martiny malt nur Köpfe: solche mit Mütze, mit zu Berge stehenden Haaren, mit leuchtenden Augen und mit vielen kleinen Antennen, als würde es sich um Marsmännchen handeln. Der Wiesbadener kann mit Worten nicht erklären, wie seine Filzstiftzeichnungen zustande kommen. Aber er strahlt über das ganze Gesicht, als sie bei der Eröffnung der Ausstellung „Art Brut“ im Kirchenfenster Schwalbe 6 vorgestellt werden. Christian Martiny ist einer von sechs Künstlerinnen und Künstlern, die in dem Raum an der Schwalbacher Straße bis 5. September ihre Bilder ausstellen. Entstanden sind die Kunstwerke in den letzten Monaten im Atelier „Mal anders“ der Behindertenhilfe des Evangelischen Vereins für Innere Mission in Nassau (Evim).

Seit mehr als 20 Jahren gibt es das Angebot für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung und es wird gut angenommen. „Es ist erstaunlich, wie frei und unkompliziert die behinderten Menschen an das Malen herangehen, da wird nicht lange überlegt, sondern einfach losgelegt“, weiß Artjom Chepovetskyy, der das Atelier seit sechs Jahren leitet. Der 38-Jährige hat an der Kunsthochschule Mainz studiert, unterrichtet als Kunstlehrer an der Förderschule am Geisberg und sieht seine Aufgabe im Atelier der Behindertenhilfe vor allem darin, die Teilnehmenden zu ermutigen, ihren eigenen künstlerischen Ausdruck zu finden.

„Das klappt sehr gut, ich bleibe im Hintergrund und gebe nur mal ein paar technische Tipps“, sagt Chepovetskyy, der als Künstler im eigenen Atelier in Frankfurt tätig ist. Die behinderten Menschen seien frei im Kopf, für sie stünden beim Malen Gefühle im Vordergrund. „Da kann ich selbst noch was dazulernen“, sagt Artjom Chepovetskyy.

„Als großer Träger der Eingliederungshilfe im Raum Wiesbaden, Main-Taunus-Kreis und Rheingau-Taunus-Kreis wollen wir mit dem Kunstprojekt ‚Mal anders‘ Menschen mit Behinderungen Zugang zu einem Ausdruckshorizont ermöglichen, der ihnen im Alltag und in ihrem durch viele Grenzen geprägten Leben normalerweise nicht immer zur Verfügung steht“, formuliert Evim-Prokurist Holger Thewalt die Zielsetzung. Mit dem Projekt werde bewusst kein pädagogischer oder therapeutischer Ansatz verfolgt. Vielmehr handle es sich bei „Mal anders“ um eine begleitete Arbeits- und Schaffenssituation, in der Klientinnen und Klienten unter professioneller Anleitung ihre kreativen Potenziale entdecken oder entwickeln könnten. Die Ausstellung solle außerdem dazu einladen, Klischees in Bezug auf die Kunst von Menschen mit Beeinträchtigung zu hinterfragen, eine Interaktion zwischen Betrachter und Kunstobjekt anregen.

Seit fast zehn Jahren regelmäßig im Evim-Malatelier mit dabei ist Ralph Ulrich. Großformatige abstrakte Acrylbilder von ihm sind in der Ausstellung zu sehen. Im Laufe der Zeit hat Ulrich seinen ganz eigenen Stil entwickelt. „Ich habe mir den Kurpark in meinen Kopf vorgestellt und dann drauflos gemalt“, beschreibt er die Entstehung eines seiner Werke. Ein paar Bilder habe er bereits verkauft, berichtet Ralph Ulrich stolz. Was er mit dem Geld, das er dafür bekommen habe, gemacht habe? „Ich habe mir neues Material zum Malen gekauft.“

Die Ausstellung „Art Brut: Mal anders staunen“ der Evim-Behindertenhilfe läuft bis zum 5. September im Kirchenfenster, Schwalbe 6, Schwalbacher Straße 6.

Auch interessant

Kommentare