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Wiesbaden: Ausbildung in der Pflege bei Geflüchteten gefragt

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Von: Diana Unkart

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In der Pflege fehlen in den kommenden Jahren nach Prognosen Hunderttausende Fachkräfte.
In der Pflege fehlen in den kommenden Jahren nach Prognosen Hunderttausende Fachkräfte. Hoyer © Renate Hoyer

Die Nachfrage ist groß, aber rechtliche Bestimmungen erschweren Schulen und Pflegeeinrichtungen die Arbeit und sorgen für Angst bei den Auszubildenden.

Viele Menschen, die nach Deutschland fliehen, suchen einen Berufseinstieg. Gleichzeitig benötigt der Pflegesektor dringend Fachkräfte. Ist die Ausbildung und Arbeit von Geflüchteten in der Pflege deshalb so etwas wie ein Selbstläufer? Andrea Kristionat winkt ab. Sie ist Referentin für Aus-, Fort- und Weiterbildung beim Evangelischen Verein für Innere Mission in Nassau, kurz Evim. „Es ist kein Selbstläufer. Die Menschen finden den Weg zu uns und dann beginnt das Kümmern.“

Ingo Planitz leitet den Fachbereich Pflege an der Mission Leben – Akademie für Pflege- und Sozialberufe in Wiesbaden. Seine Arbeitsschwerpunkte haben sich in den vergangenen Jahren verändert. „Ein Drittel meiner Arbeitszeit entfällt inzwischen auf ausländerrechtliche Belange.“ Zeit und Mühe, die sich lohne, finden die beiden Fachleute dennoch. „Wir kämpfen um jeden Einzelnen“, sagt Andrea Kristionat.

Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen sei in Wiesbaden und Umgebung groß. Initiativen oder Behörden informieren. Häufig aber erfahren die Menschen über Mund-zu-Mund-Propaganda von den Ausbildungsmöglichkeiten und davon, dass sie möglicherweise eine Bleibeperspektive bieten. Wer an einer Ausbildung in der Pflege interessiert ist, muss das übliche Auswahlverfahren durchlaufen. Dazu gehören ein Praktikum genauso wie Gespräche. „Dass diese Menschen in die Pflege gehen, weil sie nichts anderes finden, ist ein Vorurteil“, sagt Andrea Kristionat. Die tragende Motivation sei vielmehr die, anderen Menschen helfen zu wollen.

Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft könnten in Deutschland in der stationären Versorgung bis zum Jahr 2035 rund 307 000 Pflegekräfte fehlen. Die Versorgungslücke im Pflegebereich insgesamt könnte sich bis zu diesem Zeitpunkt auf rund 500 000 Fachkräfte vergrößern. „Was wir in der Pflege zu erwarten haben, ist gigantisch. Wir können es uns überhaupt nicht leisten, darüber nachzudenken, ob wir die Leute ausbilden“, sagt Planitz.

An seiner Akademie hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert. „Von unseren rund 350 Schülerinnen und Schülern kommen mehr als 80 Prozent aus anderen Kulturen.“ 60 Prozent der Auszubildenden haben einen unklaren Aufenthaltsstatus. Vier Sprachlehrer:innen gibt es inzwischen an der Schule. Ab 2015, als sich die Fluchtbewegungen aus Ländern wie Syrien, Afghanistan oder Irak intensivierten, sind die Lehrkräfte noch einmal in sprachsensiblem Unterricht geschult worden. Modellprojekte wurden verstetigt. In den Praxisbetrieben entstanden Netzwerke und Begleitangebote.

Einige Daten belegen den Erfolg. Die Zahl der Ausbildungsabbrüche liegt bei acht Prozent und sei niedrig, erklärt Planitz. Nahezu 100 Prozent der Absolventinnen und Absolventen kommen nach der Ausbildung in ein Arbeitsverhältnis oder beginnen eine Pflegefachkraftausbildung. Menschen ohne Hauptschulabschluss haben die Möglichkeit, in einer zwei Jahre dauernden Ausbildung den Beruf des Altenpflegehelfers zu erlernen und gleichzeitig den Hauptschulabschluss zu erwerben. Die Pflegefachkraftausbildung kann daran angeschlossen werden.

Trotz der Erfolge ist die Belastung für die Schulen, die Pflegeeinrichtungen und die Auszubildenden selbst hoch. Die größte Herausforderungen sehen die beiden Fachleute in ausländerrechtlichen Belangen. „Die Angst ist immer da“, beschreibt Ingo Planitz und meint die Angst vor einer drohenden Abschiebung. Einige seiner Schüler:innen müssen sich alle drei Monate bei den Behörden melden. Bislang sei noch niemand abgeschoben worden. „Es funktioniert, weil wir und kümmern“, sagt Andrea Kristionat. „Fast schon anwaltlich kümmern“, fügt sie hinzu. Sie und Ingo Planitz unterstützen bei der Wohnungssuche, wenn Auszubildende beispielsweise wegen eines zu hohen Lärmpegels in den Gemeinschaftsunterkünften Probleme beim Lernen haben; sie begleiten die Menschen bei Behördengängen, übernehmen die Korrespondenz. Da stoße man irgendwann an Grenzen, sagt Ingo Planitz. Ein weiteres Problem sei die Zeit nach Ende der Ausbildung. Bis das Regierungspräsidium die Berufsurkunde ausstellt, vergehe Zeit. Es gebe keinen fließenden Übergang vom Ende der Ausbildung in den Job. Dabei würden die Arbeitskräfte in ihren Einrichtungen dringend gebraucht. Doch statt arbeiten zu können, befänden sie sich in der nächsten Warteschleife.

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