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Wiesbaden: Abrocken mit Handicap

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Von: Andrea Rost

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Kay-Uwe Gebert (rechts) ist Frontman der Band „Ruhestörung“.
Kay-Uwe Gebert (rechts) ist Frontman der Band „Ruhestörung“. © Michael Schick

Die Wiesbadener Gruppe „Ruhestörung“ ist mehr als eine Inklusionband. Alle Musikerinnen und Musiker sind geistig beeinträchtigt. Am Wochenende treten sie im Kulturzentrum Schlachthof auf.

Das eine oder andere technische Problem gilt es zu lösen, dann kann die Band „Ruhestörung“ loslegen. „One, two, three, four“, zählt Frontman Kay-Uwe Gebert im Probenraum der Förderschule am Geisberg. Der Mann im blauen T-Shirt, die Haare zu einem Zopf zurückgebunden, ist mit Begeisterung bei der Sache. Mit kräftiger Stimme gibt er beim Song „Du schreibst Geschichte“ von Madsen den Ton an. Die Finger des 33-Jährigen fliegen über das Tablet, das er zum Musizieren nutzt.

Mit ihm tauchen fünf weitere Bandmitglieder in den Sound ein. Als nächstes steht der Hit „Applaus, Applaus“ der Sportfreunde Stiller auf der Probenliste. Markus Schmidt spielt ein Gitarrensolo, Jessica Gottfried, Stefanie Bürger und Robert Portz stehen an den Mikrofonen und singen. Etienne Glaster sitzt im Rollstuhl, auch er ist einer der Sänger der Band „Ruhestörung“.

Seit mehr als zehn Jahren treffen sich die Bandmitglieder einmal die Woche zum Üben. Das Besondere: Alle haben eine geistige Beeinträchtigung. Der kreative Prozess liegt trotzdem komplett in ihren Händen. „Wir haben uns da rausgenommen“, sagt Edgar Slatnow von der Behindertenhilfe des Evangelischen Vereins für Innere Mission in Nassau (Evim). Gemeinsam mit Erik Hesse begleitet er die Band pädagogisch. Aus einem zunächst inklusiv geplanten Projekt sei schnell ein Projekt geworden, dass die behinderten Menschen selbstständig entwickeln, erzählt er. Das sei eine Besonderheit in der Musikszene.

Frontman Kay-Uwe Gebert, der mit Robert Portz zu den Gründern der Band gehört, erinnert sich an die Anfänge. „Wir haben mit Händen und Füßen Musik gemacht“, sagt er und lacht. Nach und nach kamen die Instrumente dazu. 2015 hat sich Gebert ein Tablet angeschafft, um elektronisch Musik machen zu können. Auch Markus Schmidts E-Gitarre und das Schlagzeug von Wenzel Friebe begleiten die Sänger:innen.

„Es macht einfach riesig Spaß, wenn wir alle zusammen abrocken“, sagt Robert Portz. Jeder und jede könne einen Song aussuchen, der ausführlich geprobt und bei öffentlichen Auftritten gespielt wird. Selbst während der Lockdowns in der Pandemie hielten die Bandmitglieder Kontakt, tauschten sich in Chat-räumen aus, damit niemand vereinsamte.

In den 13 Jahre seit ihrer Gründung haben die „Ruhestörer“ eine Menge Bühnenerfahrung gesammelt. Neben Auftritten bei Stadt-und Stadtteilfesten in Wiesbaden sind sie auch regional und überregional unterwegs. Am kommenden Samstag, 3. September, wird die Band bei der großen Open-Air-Party im Kulturzentrum Schlachthof auftreten. Nicht nur Coverversionen bekannter Hits werden sie dann spielen, sondern auch eine Eigenkomposition von Frontman Gebert mit dem Titel „Fire into the energy“. Mit rauchiger Stimme intoniert er den Song bei jeder Probe. Auch ein Solo am Tablet gibt er zum Besten.

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