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Wie Fitnessgeräte aus Wiesbaden auf die Titanic kamen

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Von: Diana Unkart

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In einem Antiquariat hat Andrea Wecker ein Werbeprospekt der Wiesbadener Firma entdeckt.
In einem Antiquariat hat Andrea Wecker ein Werbeprospekt der Wiesbadener Firma entdeckt. M. Müller (2) © Monika Müller

Stadtteilhistorikerin Andrea Wecker erforscht Fitness und Körperkult um 1900. Die Ähnlichkeiten zu aktuellen Fitness- und Lifestyle-Trends sind verblüffend.

Wenn Andrea Wecker von den Ergebnissen ihrer Recherchen erzählt, dann fällt es schwer zu glauben, dass sie über die Zeit um 1900 spricht. Damals gab es in Wiesbaden eine Rollschuhbahn, vegane und vegetarische Restaurants oder Fitnessstudios. Die hießen nicht so und die Damen und Herren gaben sich dem Sport zugeknöpft in vornehmer Alltagskleidung hin, aber die Geräte erinnern an die heute gebräuchlichen. Gefertigt wurden sie in einem Wiesbadener Unternehmen und waren in der High Society angesagt. Kaiser Wilhelm II., der König von Siam oder der Shah von Persien sollen sich an den Maschinen gestärkt haben. Und als die Titanic am 12. April 1912 im kalten Atlantik sank, verschwand mit ihr der exklusive und neuartige Gymnastikraum – ausgestattet mit Geräten aus Wiesbaden.

Andrea Weckers geschichtliches Interesse wurde früh geweckt. Ihr Vater arbeitete im Archäologischen Museum in Frankfurt, sie begleitete ihn oft. Später studierte sie Sportwissenschaft. Ihre Diplomarbeit schrieb sie in den 1990er-Jahren über Kraftmaschinen und deren Einsatz in der Rehabilitation. 2009/2010 wird im Wiesbadener Marktkeller eine Wanderausstellung zur Titanic gezeigt. Bei einem Vortrag wird Andrea Wecker zum ersten Mal auf die Geräte der Wiesbadener Firma Rossel und Schwarz aufmerksam. Das Thema beschäftigt sie fortan. Als die Wiesbaden-Stiftung 2016 das Projekt „Stadtteilhistoriker“, bei dem Bürgerinnen und Bürger aufgerufen sind, Geschichte zu schreiben, auflegt, bewirbt sich die Diplomsportlehrerin und Sportwissenschaftlerin erfolgreich und erforscht die Wiesbadner Sportgeschichte und Fitnessgeschichte von 1800 bis heute.

Kürzlich ist die inzwischen dritte Staffel der „Stadtteilhistoriker“ zu Ende gegangen. Andrea Wecker widmete sich diesmal dem Thema „Fitness und Körperkult um 1900“. Die Parallelen zur heutigen Zeit – bis hin zu einer grassierenden Pandemie – seien frappierend, sagt sie. Deswegen habe sie den Untersuchungszeitraum enger gefasst. So wie heute sei es damals angesagt gewesen, Sport zu treiben: Wiesbaden, die selbsternannte „Weltkurstadt“, musste ihren betuchten Gästen einiges bieten.

In Schweden hatte der Arzt Gustav Zander Mitte des 19. Jahrhunderts heilgymnastische Widerstandsapparate entwickelt und ein Institut zur „medico-mechanischen Therapie“ gegründet. Damit mechanisierte er die Heilgymnastik.

Ab 1877 wurden die Geräte industriell hergestellt. Das 1897 gegründete Wiesbadener Unternehmen Rossel, Schwarz & Co. sicherte sich die Lizenzen für die Produktion von Zanders Geräten und produzierte sie exklusiv – ab 1901 in den Hallen in der Mainzer Straße. Medico-mechanische Institute gab es in Wiesbaden unter anderem in der Mainzer Straße und in der Luisenstraßen.

Anfang des 20. Jahrhunderts gingen die Menschen in Deutschland in 79 Institute der Zanderei nach. Der Name des Arztes war als Synonym für Übungen an Apparaten in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Auf Schiffen sollten sie Passagieren der Ersten Klasse den Muskelerhalt sichern. Der Gymnastikraum der Titanic war unter anderem mit einem Rudergerät ausgestattet. Nach Angaben des Titanic-Vereins erfreuten sich vor allem das „elektrische Kamel“ – ein länglicher Hocker, der die Bewegungen des Kamels imitierte – und zwei Trimm-Dich-Räder mit Geschwindigkeitsanzeige großer Beliebtheit.

Dass der Trend zum Zandern nur von kurzer Dauer war, dafür gab es mehrere Gründe, erläutert Andrea Wecker. Unter anderem verlagerte sich Bewegung – auch durch die Lebensreformbewegung – in die Natur. Um die Jahrhundertwende beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts wurden in Wiesbaden und anderswo neue Sport- und Erholungsanlagen eröffnet.

Andrea Wecker sagt, sie habe in den zurückliegenden beiden Jahren viel in Adressbüchern und Zeitungen recherchiert, und bisweilen Witziges dabei entdeckt. Wenn sie Vorträge hält, dann erzählt sie dem erstaunten Publikum zum Beispiel gern von der „Rollschuhdisco“. Die hieß nicht so, aber 1877 öffnete im Hotel Victoria an der Wilhelmstraße/Ecke Rheinstraße eine Rollschuhbahn mit Musik und Tanz. Mehr als 1000 Paar aus Buchsbaumholz gefertigte Rollschuhe hätten für die großen und kleinen Besucher:innen zur Verfügung gestanden. Und sie zeigt ein Video aus Brasilien. Dort und in Russland werden die Wiesbadener Fitnessgeräte noch immer eingesetzt.

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