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„Wie in einer anderen Zeit“

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Von: Fabian Scheuermann

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Treppen aus Marmor, dunkelgrüner Ledersessel - die Villa Clementine verströmt immer noch den Charme des 19.Jahrhunderts. Einmal wäre sie fast abgerissen worden.

Ich kann mich an den Räumen gar nicht satt sehen“, schwärmt Isa Ay, während er durch die Räume der Villa Clementine an der Wilhelmstraße schweift und auf Besonderheiten hinweist. So gibt es zum Beispiel neben Rotem, Gelbem und Blauem Saal auch einen Spiegelsaal und einen Wintergarten. Im „Flämischen Saal“ angekommen bleibt Ay schließlich mit ausgebreiteten Armen stehen und fragt: „Ist es nicht traumhaft hier?“

Es muss eine rhetorische Frage sein, die der Betreiber des Literaturcafés da stellt. Um ihn herum befinden sich Stoff-Tapeten mit buntem Blumenmuster, die Decke ist voll von kleinteiligen Holzverzierungen, in der Mitte des Raums hängt ein überbordender Kronleuchter. Der Mainzer Fabrikant Ernst Mayer ließ die Villa einst 1878 an Wiesbadens wohl repräsentativster Stelle errichten. In goldfarbenen Lettern prangt heute noch der Vorname seiner Frau an der zum Warmen Damm hin gelegenen Hauswand: Clementine.

Seit die Villa im Jahr 2009 saniert wurde, erstrahlt sie in neuem Glanz. Neben dem Café mit seinem Büchertausch-Regal bietet der Bau seit 2001 auch Raum für das Literaturhaus mit seinen zahlreichen Veranstaltungen. Bereits seit 1991 logiert hier der Presseclub und seit 2000 zudem der Hessische Verleger- und Buchhändler-Verband. So sei eine „Enge Vernetzung und Kooperation der Literaturschaffenden möglich“, heißt es beim Literaturhaus. Beim literarischen Programm wird Wert darauf gelegt, auch unbekannten Autoren eine Bühne zu bieten. Man will „mit allen Sinnen Lust auf Literatur und auf das Lesen machen“.

Schaut man sich die Treppen aus schwarzem Marmor auf dem Weg zur Beletage oder die dunkelgrünen Ledersessel im Souterrain der Villa an, wundert man sich nicht, dass der Hessische Rundfunk ausgerechnet hier 1978 die 13-teilige Fernsehserie „Die Buddenbrooks“ drehte. „Man fühlt sich hier ein bisschen wie in einer anderen Zeit“, bringt Ay es auf den Punkt.

Fast wäre es jedoch um die Villa Clementine mit ihren Säulen, Stuckornamenten und Steinfiguren geschehen gewesen. Das Gebäude sollte in den 60er Jahren nämlich – gemeinsam mit vielen anderen Villen am Bierstadter Hang – abgerissen werden. An Stelle der historisierenden Häuser und ihrer Gärten sollte eine Osttangente zur Entlastung der Wilhelmstraße entstehen und zudem der Eingang in ein damals angedachtes Wiesbadener U-Bahn-Netz.

Unter dem Motto „Das neue Wiesbaden“ verfolgte der damalige Planungsbeauftragte der Stadt – der international renommierte Städtebauer und Architekt Ernst May – derlei Pläne. Unter anderem die Siedlungen Parkfeld in Biebrich und Klarenthal stammen aus seiner Feder.

Doch zum Abriss der Villa kam es nicht – stattdessen gab es eine Sinneswandel in der Stadt und die Verwaltung setzte sich Anfang der 70er Jahre als Eigentümerin des Gebäudes für dessen Erhalt samt Nutzung als Kultureinrichtung ein. „Gott sei Dank“, wie Ay findet. Viele Millionen flossen seitdem in Sanierung und Betrieb des Gebäudes.

Heute soll die Villa nicht länger ein Statussymbol der Reichen sein – unter anderem Königin Natalie von Serbien lebte einmal hier – sondern ein Platz für alle Wiesbadener. Für den Preis eines Kaffees oder einer Literaturveranstaltung kann heute jeder einen Hauch von jenem großbürgerlichen Flair erhaschen, welches die Villa so besonders macht. Oder man betrachtet das Gebäude einfach vom Bücherschrank im Garten aus. Vielleicht winkt einem dort ja jemand vom Balkon des Literaturcafés zu. „So war das ja schon immer auf der Rue“, sagt Ay: „Sehen und gesehen werden.

Informationen zu den kommenden Veranstaltungen findet man hier.

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