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Wie ein Wiesbadener Graffiti-Fest die Welt erobert

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Von: Diana Unkart

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Manuel Gerullis am Brückenkopf der Theodor-Heuss-Brücke – seit 2005 wird dort gesprüht. M. Schick
Manuel Gerullis am Brückenkopf der Theodor-Heuss-Brücke – seit 2005 wird dort gesprüht. M. Schick © Michael Schick

Das Meeting of Styles wird 25. Seine Geschichte begann am Schlachthof mit ein paar Jugendlichen, vielen Dosen und Visionen. Manuel Gerullis ist seit 1997 Denker und Lenker des Festivals

Rückblickend betrachtet, hätte es gar nicht anders kommen können, sagt Manuel Gerullis. Da war dieser verlassene, heruntergekommene Ort mit seinen unzähligen grauen Wänden. Und da waren junge Leute, die genau so einen Ort suchten. Einen, an dem sie unter sich sein und ihre Kreativität ausleben konnten. Dieser Ort, ein alter, verlassener Schlachthof, nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt, ist die Geburtsstätte des wohl weltweit größten Street-Art- und Graffiti-Festivals: In dieser Woche kehrt das Meeting of Styles zurück nach Wiesbaden. Gerullis, heute 50 Jahre alt, war einer der Jungs, die in den 1990ern am Schlachthof abhingen. Seit damals ist der Graffitikünstler Denker und Lenker des Festivals.

Vor allem Schriftzüge sprühte er seinerzeit. Mangels legaler Flächen illegal, was ihm 1992 eine Verurteilung wegen Sachbeschädigung einbrachte – und Wiesbaden in der Folge eine Veranstaltung mit internationaler Strahlkraft. Jedenfalls fasste Gerullis nach seiner Verurteilung einen Entschluss: „Ich wollte nur bunte Bilder malen. Das wolltet ihr nicht. Jetzt bekommt ihr viel mehr davon.“

Als Gerüchte aufkamen, die alten Schlachthofgebäude – inzwischen bekannter Treffpunkt der Hip-Hop- und der mit ihr fest verwobenen Graffitiszene – sollten abgerissen werden, hatte er die Idee, mit einem Graffitifest zu zeigen, warum Wiesbaden Orte wie das Schlachthofgelände braucht. Den Abriss konnte das International Wall Street Meeting, wie der Vorläufer des Meeting of Styles hieß, dennoch nicht verhindern. 1997 bis 1999 und von 2000 bis 2002 wurde noch am Schlachthof gesprüht und gefeiert.

2005 zog das Festival an den Brückenkopf der Theodor-Heuss-Brücke in Kastel um. Aus dem Wiesbadener Ur-Meeting wurde eine internationale Festivalreihe mit Ablegern unter anderem in den USA – in New York und Chicaco – in Mexiko, Polen und Dänemark. Der Rückhalt in der Szene sei nach wie vor groß. 17 Meetings sind aktuell in diesem Jahr geplant, darunter zwei in Asien, im indonesischen Karanganyar sowie in Manila auf den Philippinen. Die Organisation vor Ort übernehmen lokale Graffiti-Künstler:innen, oft solche, die schon in Wiesbaden zu Gast waren. Dort wiederum kümmert sich Gerullis zusammen mit einigen anderen Künstlern um die Organisation.

Das Programm

Los geht es am morgigen Donnerstag mit einem Meet & Greet, 19 Uhr, Kasteler Reduit.

Von Freitag bis Sonntag wird am Brückenkopf der Theodor-Heuss-Brücke gesprüht. Dazu gibt es ein Begleitprogramm mit Musik, Breakdance und Essen.

Die Opening-Party „Break da Roof“ beginnt am Freitag um 21 Uhr im Kontext in der Welfenstraße. diu

Die Einzigartigkeit des Ortes, ein starker Underground in der Stadt, der Idealismus der Jugendlichen, mutige Verantwortliche im Amt für Soziale Arbeit in einer Zeit, in der der Hip-Hop in Deutschland sein goldenes Zeitalter erlebte – das alles habe die Entwicklung vom lokalen Szenefest zum internationalen Festival möglich gemacht, sagt Manuel Gerullis.

Anfangs vor allem von der städtischen CDU kritisiert, erfahre das Meeting of Styles inzwischen überwiegend Unterstützung quer durch alle politischen Lager und gelte als Kulturbotschafter Wiesbadens, 2017 wurde es mit dem Kulturpreises der Stadt ausgezeichnet. „Heute“, sagt Gerullis, „werden die Künstler:innen vom Oberbürgermeister empfangen.“ In den Anfangsjahren undenkbar.

4000 Quadratmeter Fläche werden etwa 80 internationale Künstler:innen zwischen dem 16. und 19. Juni in Kastel besprühen. Der Brückenkopf, auch so ein einzigartiger Ort, der mit der Graffitiszene in Wiesbaden, Mainz und im Rhein-Main-Gebiet eng verbunden ist. Am Rhein gelegen, Züge, gammlige Ecken, „ein sehr urbaner, von der Straße geprägter Flair“, beschreibt Gerullis. 1998 gab es dort eine erste Veranstaltung mit dem Titel „Die Brücke“. Einige Wände durften damals legal bemalt werden, allerdings nur bis auf eine Höhe von 2,50 Meter.

In diesem Jahr wird erstmalig eine der drei Hauptwände, die Female Wall, ausschließlich von Frauen gestaltet. Es gebe hochkarätige Künstlerinnen, die aber zu selten wahrgenommen würden. „Wir wollen Frauen unterstützen und zeigen, dass die Graffitiszene keine Männerdomäne ist.“

Die Vorbereitungszeit war kurz. Erst im April war klar, dass das Meeting of Styles in gewohnter Weise realisiert werden kann. Binnen sechs Wochen gingen 400 Bewerbungen ein.

Auf dem Gelände des alten Schlachthofs, heute Kulturzentrum, stehen wieder Wände, die bemalt werden dürfen. „Es ist ein Bekenntnis der Stadt zur Historie des Ortes.“

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