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Wie ein Immobilienfonds ein Einkaufszentrum in Wiesbaden zugrunde richtet

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Von: Madeleine Reckmann

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Die Geschäfte verschwunden, Türen und Schaufenster mit Sperrholzplatten vernagelt.
Die Geschäfte verschwunden, Türen und Schaufenster mit Sperrholzplatten vernagelt. © Michael Schick

Die Ladenpassage im Schelmengraben ist verlassen und verwahrlost. Die Eigentümergesellschaft hat kein Interesse an einer Lösung. Jetzt schlägt die Sozialarbeit Alarm.

Das Schreiben der Sozialarbeiterin Alexandra Ahr liest sich wie ein Verzweiflungsschrei. Das Einkaufszentrum im Wiesbadener Stadtteil Schelmengraben sei „in einem sehr schlechten Zustand“, schreibt sie, die meisten Ladengeschäfte seien verlassen, die letzte Apotheke habe Ende Juni geschlossen, das einzig verbliebene Geschäft, ein Obst- und Gemüsehandel, bange um seine Existenz.

Ahr ist für das Stadtteil- und Jobbüro der Bauhaus-Werkstätten tätig. Im Auftrag der Stadt leisten die Werkstätten Quartiersarbeit in dem 6000 Einwohner:innen starken Stadtteil mit der höchsten sozialen Bedarfslage Wiesbadens. Das Büro liegt in der Einkaufszeile. Menschen zu helfen, den Einstieg ins Erwerbsleben zu finden, einen Schreib- und Leseservice und einen Treff für Senior:innen anzubieten, ist seine Aufgabe. 2012 wurde der Schelmengraben in das Bund-Länder-Programm Soziale Stadt aufgenommen, seitdem hätten die Wohnanlagen an Attraktivität gewonnen, berichtet Ahr der FR: Das Umfeld sei verbessert, Spielplätze geschaffen, eine Grillwiese und ein Innenhoftreff eingerichtet worden. „Aber das Einkaufszentrum sitzt wie ein Stachel im Fleisch.“

Es sei derart verwahrlost, dass jetzt auch das Stadtteil- und Jobbüro gezwungen sei, neue Räume zu suchen. „Unsere Auftrag, die Bewohner:innen mit niedrigschwelligen Angeboten am öffentlichen Leben zu beteiligen, können wir hier nicht leisten. Die Leute trauen sich nicht mehr, zu uns zu kommen“, sagt Ahr. Die Drogenszene habe sich das Zentrum zu eigen gemacht.

In der Tat ist die in den 1970er Jahren erbaute Einkaufspassage neben dem sogenannten roten Hochhaus so heruntergekommen, wie es das selten in Deutschland gibt. Mehr als ein Dutzend Ladengeschäfte sind verlassen, Türen und Fenster mit Sperrholzplatten zugenagelt, Schaufensterscheiben zerbrochen. Der Blick in die leerstehenden Läden offenbart Schimmel an den Wänden, Pfützen auf den Böden, heruntergefallene Deckenteile, Unrat und Dreck. Auch der Fußgängerweg ist schmutzig, Kippen und Plastikflaschen liegen herum.

Laut Polizei stellt das Einkaufszentrum trotz leicht gestiegener Fallzahlen keinen Kriminalitätsschwerpunkt dar. Das Zentrum werde vermehrt kontrolliert, da sein desolater Zustand das subjektive Sicherheitsgefühl der Anwohner:innen beeinträchtige, teilt die Polizei auf Anfrage mit. Bei Kontrollen würden immer wieder Betäubungsmittel festgestellt und Strafverfahren eingeleitet.

Ahmet Özer, der mit seinen Eltern das Obst- und Gemüsegeschäft betreibt, möchte nicht ans Aufhören denken. „Wir merken, dass weniger Kundschaft kommt, seit die Apotheke zugemacht hat“, berichtet er, „aber wir müssen für die ältere Bevölkerung fortbestehen. Hier ist das Herz des Schelmengrabens.“ Die Schuld für den Niedergang gibt er den Verantwortlichen, die den Leerstand zulassen: „den Eigentümern oder der Stadt oder beiden“.

Noch vor zehn Jahren sei es ein belebter Einkaufstreff gewesen. Ahr und Özer zählen auf: ein Supermarkt, die Postfiliale und das Café, das Friseurgeschäft, der russische Lebensmittelhandel, die Pizzeria, der Kiosk, das Möbelgeschäft und mehr – alles weg. „Die Schlecker-Pleite hat den Anfang gemacht“, erinnert sich Ahr. Die Drogeriekette ging 2012 in Insolvenz. Ein neuer Eigentümer habe das Zentrum nach und nach entmietet. Zu welchem Zweck? Man weiß es nicht.

„Investoren kaufen das Zentrum als Spekulationsobjekt“, glaubt Walter Neid-Nusser, Vorsitzender des Quartierrates. Die SPD habe sich 2018 für ein Vorkaufsrecht der Stadt eingesetzt - erfolglos. Neid-Nusser wünscht sich, das Einkaufszentrum und das rote Hochhaus gelangten in „seriöse Hände“, die das Einkaufszentrum abreißen und mit einem vernünftigen Konzept wieder neu aufbauen würden. So, wie es jetzt dastehe, sei es nicht mehr zu gebrauchen.

Zurzeit ist eine Tochtergesellschaft des luxemburgischen Immobilienfonds H.Main 4 Sarl Eigentümerin. Laut Rechercheplattform North Data verdient sie ihr Geld mit dem Erwerb, Halten, Verwalten und Veräußern von Beteiligungen internationaler Gesellschaften. Der FR lässt die Eigentümergesellschaft über die Hausverwaltung ausrichten, dass sie die Fragen nicht zu beantworten gedenke. Auch die Hausverwaltung möchte nicht namentlich in Erscheinung treten. Zu peinlich sei es, mit dem Zentrum in einem Atemzug genannt zu werden, lässt die Sprecherin durchblicken.

Die Stadt führt seit Jahren Gespräche mit der Eigentümerin – ebenfalls erfolglos. „Diese Gespräche sind nicht abgeschlossen, sodass noch keine konkreten Ergebnisse vorliegen“, teilt das Presseamt auf Anfrage mit. Es sei weiterhin „unser Ziel, mit der Eigentümerin daran zu arbeiten, die städtebaulichen Mängel zu beheben und das Einkaufszentrum wiederzubeleben“.

Die GWH-Wohnungsgesellschaft Hessen steht nicht in Kontakt mit H. Main 4 Sarl. Ihr gehören etwa 95 Prozent der Mietswohnungen im Viertel. Auch das rote Hochhaus zählte einmal zu ihrem Besitz, wurde aber an einen früheren Eigentümer veräußert. Es soll Versuche gegeben haben, es zurückzukaufen, auch die scheiterten. Die GWH leiste viel zur Entwicklung des Quartiers, schreibt eine Sprecherin. Es werde in Immobilien und ins Wohnumfeld investiert. „Die genannten Flächen entziehen sich jedoch unserer Handhabe, hier ist allein der Eigentümer gefragt.“ Am Kauf der Liegenschaft scheint die GWH noch interessiert zu sein. „Sollte uns ein Angebot erreichen, würden wir dies selbstverständlich prüfen.“

Es sieht so aus, als habe die Eigentümergesellschaft an einer für die Allgemeinheit zuträglichen Lösung kein Interesse.

Von der Postfiliale ist nur noch ein Briefkasten übrig.
Von der Postfiliale ist nur noch ein Briefkasten übrig. © Michael Schick

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