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Widerstand gegen das Wiesbadener Baugebiet Westfeld

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Von: Madeleine Reckmann

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Wiesen und Felder im Westfeld, von der Sylter Straße aus gesehen.
Wiesen und Felder im Westfeld, von der Sylter Straße aus gesehen. © Michael Schick

Aktionsgemeinschaft will die Wiesen und Felder und das Kleinklima erhalten. Aber das Baudezernat hat schon mit ersten Prüfungen für eine Entwicklung begonnen.

Die Landeshauptstadt beginnt zusätzlich zum umstrittenen Entwicklungsgebiet Ostfeld mit einer Größe von 490 Hektar ein weiteres Großbauprojekt zu prüfen: Es liegt im Westen der Stadt und heißt daher Westfeld. Auf dem 125 Hektar großen Wiesen- und Gartengelände zwischen Dotzheim und Schierstein könnten 3000 Wohneinheiten geschaffen werden, heißt es im Integrierten Stadtentwicklungskonzept WI 2030 über die „Perspektivfläche West“. Es soll auch Gespräche zwischen Stadt und Land Hessen darüber geben, ob im südlichen Bereich Gebäude für die Landespolizei gebaut werden können.

Nachhaltige Entwicklung

Noch befänden sich die Prüfungen der Potenzialflächen in einem frühen Stadium, schreibt das Dezernat für Stadtentwicklung und Bau auf Anfrage, aber Fachbelange zu Klima, Boden sowie Natur- und Artenschutz würden bereits untersucht. Im Fokus stehe, ob sich das Westfeld für eine „klimasensible und nachhaltige Entwicklung“ eigne und die Bedarfe für Wohnen und Gewerbe sich mit Belangen des Klima- und Naturschutzes vereinbaren ließen.

Klar ist jetzt schon, dass die Stadt mit großem Widerstand rechnen muss. Vor wenigen Tagen hat sich die neue Aktionsgemeinschaft „Westfeld erhalten“ gegründet, die verhindern möchte, dass das grüne Kleinod mitten in der Stadt zugebaut wird. 60 Menschen unterstützten die Initiative bereits, weitere Dutzende hätten Interesse bekundet, sagt Organisatorin Christina Kahlen-Pappas, die von einer „großen Dynamik in der Bevölkerung“ spricht. Die Mitglieder treten dafür ein, dass das Westend mit seinen Funktionen für das Stadtklima, die Naherholung und die Nahversorgung erhalten bleiben. Mehrere Gemüsegärtnereien haben ihren Standort auf dem Gelände.

Auch der Ortsbeirat Schierstein stellt sich geschlossen gegen das Projekt, erklärte Ortsvorsteher Urban Egert (SPD) kürzlich auf einer Sondersitzung des Ortsbeirats. Als der Wiesbadener Umweltamtsleiter Klaus Friedrich und Katja Wölfinger, zuständig für Landschaftsplanung, dort Erkenntnisse aus dem Fachgutachten Stadtklima für das Westfeld erläuterten, hörten etwa 90 Männer und Frauen im Publikum aufmerksam zu. Wölfinger zufolge gilt für den größten Teil der Fläche südlich der Sylter Straße die höchste klimatische Empfindsamkeit, und sie stehe unter Schutz, da dort nachts Kaltluft entstehe. Der Bereich nördlich habe auch eine hohe Bedeutung für das örtliche Klima. Beide gehörten zu einem Frischluftversorgungssystem, zu dem auch das Lindenbachsystem und das Weilburger Tal zählten, die Dotzheim und Schierstein mit Frischluft versorgten. Die Luft aus dem Westfeld fließe nachts langsam nach Süden und kühle Teile der Saarstraße ab. Diese Klimaaktivität sei unbedingt zu erhalten. Würden im Westfeld Flächen versiegelt, würde sich das Gebiet zusätzlich zum Klimawandel aufheizen, erklärte Wölfinger. Die Prognosen für 2060 gehen von einer Verdreifachung der Tropennächte in dem Gebiet aus. Das bedeutet, dass die Temperaturen an 20 Nächten im Jahr nicht unter 20 Grad fallen werden. Zurzeit sind es sechs Nächte. Eine mögliche Bebauung müsse Abstand zu den bestehenden Siedlungen halten. „Das kann man nicht vollständig bebauen“, sagte Friedrich.

Die große Mehrheit der Zuhörer:innen war gegen eine Bebauung. Es herrschte Empörung im Saal. „Wir möchten, dass das Klimaargument bei der Abwägung überwiegt“, sagte ein Mann und forderte das Umweltamt auf, „Standing“ gegenüber den Entscheider:innen zu beweisen.

Wölfinger machte klar, dass das Klima nur ein Abwägungsaspekt sei. Wohnungsnot oder wirtschaftliche Interessen würden auch in die Entscheidung einfließen. „Wir kämpfen um jeden Halm“, versicherte Friedrich. Eine Zuhörerin zeigte sich skeptisch. Beim Bau des Osthafens habe es auch klimaökologische Gründe gegen eine Bebauung gegeben, aber es wurde gebaut. „Die wissenschaftlich fundierten Daten liegen vor, aber es fehlt uns an Durchsetzungsmöglichkeiten“, resümierte Kahlen-Pappas gegenüber der FR. Die Politik tue so, als gebe es keinen Klimawandel.

www.westfeld-erhalten.de

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