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Wenn die Lichter ausgehen

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Von: Ute Fiedler

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Traurig: Ladensterben in Nordenstadt.
Traurig: Ladensterben in Nordenstadt. © Michael Schick

In den Wiesbadener Stadtteilen schließen immer mehr eigentümergeführte Läden. "Kleinen, eigentümergeführten Läden wird das Überleben unnötig schwer gemacht", sagt die Inhaberin einer Bäckerei, die schließt.

Während sich der hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) auf der Grünen Woche in Berlin dafür stark machte, Nahversorgungseinrichtungen zu stärken, hat sich Ingrid Stemler in Nordenstadt auf die Geschäftsaufgabe vorbereitet. Am Aschermittwoch wird die Bäckerei, in der sie 45 Jahre hinter dem Verkaufstisch und ihr Mann Walter in der Backstube stand, zum letzten Mal öffnen.

Die Trauer ist groß, lange hat sich Stemler gewehrt. Doch dann wurde der Druck zu hoch: Zum einen durch das große Gewerbegebiet am Ortsrand und auch durch Globus, ein weiteres Lebensmittelgeschäft mit Bäckerei und Metzgerei, das demnächst in die Räume von Real ziehen will. „Da kann keiner mehr überleben. Die Initiative von Herrn Posch kommt viel zu spät.“ Künftig will Tochter Gisela Kuchen und Torten in den Räumlichkeiten anbieten.

Einen weiteren Vorwurf macht Stemler der Stadt. Die habe sich nicht darum gekümmert, das Parkverbot vor der Bäckerei aufzuheben. „Kleinen, eigentümergeführten Läden wird so das Überleben unnötig schwer gemacht.“

Die Stemlers sind nicht die einzigen, die den Kampf gegen die Großmärkte aufgegeben haben. In vielen Stadtteilen der Landeshauptstadt schließen immer mehr Metzgereien, Bäckereien und kleine Lebensmittelmärkte. Läden, die Treffpunkt sind, die vor allem älteren Menschen den Einkauf erleichtern. Und die das Stadtbild bereichern.

Fährt man durch die Straßen, fällt der Blick auf leerstehende Geschäfte, kalte Räume hinter der dumpfen Fensterscheibe. Nur mit viel Phantasie lässt sich erahnen, wie dort Kunden ein- und ausgingen, wie der Duft von frischen Lebensmitteln in der Luft hing.

„Ach, hier ist schon lang nichts mehr los“, sagt eine Passantin in Medenbach, die gerade mit ihr-em Hund Spazieren geht. Früher gab es noch einen Metzger und einen Bäcker, heute muss man zum Einkaufen nach Auringen fahren. Das sind insgesamt vier Kilo-meter, mit dem Auto, dem Fahrrad oder dem Bus – „aber der fährt ja nur zu bestimmten Zeiten. Für ältere Leute, die nicht mehr mobil sind, ist das schwierig“.

Chrissi Krellner weiß, wie wichtig kleine Läden in den Stadtteilen sind. Sie selbst hat einen Tante-Emma-Laden in Frauenstein, in dem sogar ein Postschalter angesiedelt ist. Die Eier liegen vor der Kasse, direkt über dem Regal mit den Lesebrillen. Das kleine Geschäft ist vollgestopft mit Dingen, die zum täglichen Leben gebraucht werden. „Ich gehe gar nicht in den Supermarkt. Alles, was ich brauche, kaufe ich hier“, sagt ein Kunde.

Seit 13 Jahren führt Krellner „Chrissis Frischekörbchen“ und kommt damit ganz gut über die Runden. Sagt sie. Viele Stammkunden habe sie, die gerne auch mal auf einen Plausch vorbeikommen. Wenn jedoch ein großer Supermarkt in der Nähe aufmachen würde, ginge es auch für sie ums Überleben.

Doch das steht erst einmal nicht zur Debatte – und wenn, dann werde man sich dagegen wehren, sagt Adolf Lupp (SPD), Vorsitzender des Ortsbeirats. Um Ortsteile attraktiv zu erhalten, müsse man alles tun, um kleine Läden und Bäckereien am Ort zu unterstützen. „Das macht doch die Persönlichkeit eines Stadtteils aus und stärkt die Lebensqualität vor Ort“, meint Lupp.

Das sieht Amtskollege Reiner Pfeifer aus Nordenstadt genauso. „Es ist bedauerlich, dass nach der Bäckerei Martin nun auch noch Stemler schließt, ebenso wie Edda Noll“, sagt er. Das sei jedoch der Lauf der Dinge. „Viele wohnen in Nordenstadt, aber integrieren sich nicht. Viele Zugezogene haben kein Interesse daran, das Kulturgut zu erhalten“, vermutet Pfeifer.

Und so schließt ein eigentümergeführter Laden in den Stadtteilen nach dem nächsten, und es ziehen Ketten ein, die es sich leisten können, das Geschäft fortzuführen. Wenn die Geschäfte nicht komplett leerstehen bleiben.

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