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Zu wenig günstige Wohnungen

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Überangebot oder Mangel? Mieter und Eigentümer streiten über den Immobilienmarkt in Wiesbaden. Von Michael Grabenströer

Von Michael Grabenströer

Die Meinungen prallen aufeinander. Der Haus- und Grundeigentümerverein in Wiesbaden spricht von einem "Überangebot an Wohnraum" in der Landeshauptstadt. Der Mieterverein reagiert darauf höchst verwundert. Er registriert nach wie vor einen "sogar gestiegenen" Bedarf an Wohnungen - vor allem preisgünstigem Wohnraum.

Schließlich zähle Wiesbaden bei der Quadratmetermiete weiterhin zu den zehn teuersten Städten in Deutschlands, sagt Jost Hemming vom Mieterbund. Da greift die Neubaumiete ab neun Euro pro Quadratmeter. Der mittlere Mietpreis liege bei 7,80 Euro kalt. Grundlage für diese Angaben sind Wohnungs-Inserate.

Zu den extrem weit auseinanderliegenden Bewertungen führen zwei unterschiedliche Sichtweisen: Der Haus- und Grundbesitzerverein geht von einem Versorgungsgrad mit Wohnraum von annähernd 100 Prozent aus. Er lag danach im Dezember vor einem Jahr bei exakt 98,8 Prozent. Eine statistische Größe, zu der der Mieterbund noch die sogenannte Fluktuationsreserve rechnet. Diese Schwankungszahl - sie berücksichtigt Leerstand, Abriss, Umwidmung oder Sanierung - im real verfügbaren Wohnungsbestand eingerechnet , geht der Mieterbund von einem Mangel von rund 5.600 Wohnungen in Wiesbaden aus.

Laut Mieterbund sprechen weitere Fakten für seine Sicht der Dinge. Zum einen sei statistisch die Zahl der Haushalte weiter gestiegen, zum anderen die Zahl der inserierten Mietwohnungen in den letzten vier Jahren um rund 37 Prozent zurückgegangen. Der Mieterbund spricht von einer "prekären Wohnsituation", vor allem für einkommensschwächere Haushalte. Circa 30 Prozent aller Wiesbadener Haushalte lebten an der Armutsgefährdungsschwelle, so Jost Hemming. Dabei machten die Alleinerziehenden einen besonders hohen Anteil aus. Für diese Gruppe werde es "immer schwieriger, angemessenen, preiswerten Wohnraum" zu finden.

Von Überangebot zu sprechen, sei "verfehlt". Außerdem müsse darauf geachtet werden, dass die Situation nicht durch Umwandlung von Wohnraum weiter verschärft werde.

Deutliches Defizit

Das statistische Amt der Stadt hält sich in der Auseinandersetzung weitgehend zurück, lässt stattdessen Zahlen sprechen. 141.072 Haushalte sind in Wiesbaden gemeldet, 139.519 Wohnungen registriert. Zu dem Defizit, so die Auskunft der Stadt, müsse noch eine Fluktuationsreserve gerechnet werden - die allerdings um einen Prozentpunkt niedriger liege als beim Mieterbund.

Also gibt es eine Differenz von rund 4300 Wohnungen - quasi offiziell gerechnet. Deutlich mehr als die Hausbesitzer angeben, weniger als der Mieterbund errechnet hat. Vor allem hält der Trend zu kleinen Haushalten an. Damit verstärkt sich ein Negativtrend bei der Wohnungsversorgung, trotz leicht wachsendem Wohnungsbestand.

Seit der 20 Jahre zurückliegenden Volkszählung gibt es keine genauen Wohnungszahlen mehr. Exakte Daten werden erst wieder von der kleinen Volkszählung 2011 erwartet.

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