Das Wasser des Wellritzbachs kann nicht mehr in die Betonröhre fließen, sondern gluckert in sein neues Bett.

Wiesbaden

Wellritzbach in Wiesbaden von Beton befreit

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Gewässer fließt wieder über Sand und Steine . Das Tal wird zum Landschaftspark und Naherholungsgebiet für Anwohner.

Georg Thon kann sich noch gut daran erinnern, wie in den 1960er Jahren der Wellritzbach in ein Betonbett gezwängt wurde. Damals wurden in Klarenthal die neuen Siedlungen gebaut und das Bächlein konnte bei Unwettern das Regenwasser nicht mehr aufnehmen. Heute gibt es längst ein Regenrückhaltebecken. Thon, der früher auf dem angrenzenden Gelände an der Klarenthaler Straße eine Zierpflanzengärtnerei betrieb, hat gestern miterlebt, wie der Bach wieder renaturiert wird, und er freut sich.

Mit einem lauten Platschen landet der Felsen in der Wasserrinne. Der Baggerfahrer hat den riesigen Brocken gut platziert. Das Wasser des Wellritzbachs kann nicht mehr in die Betonröhre fließen, sondern gluckert in sein neues Bett. Über 350 Meter schlängelt sich der Bach nun oberhalb des Kurt-Schumacher-Rings über Sand, Schlick und Kiesbänke hinweg. Die großen Steine am Ufer sind Taunusquarzit aus Geisenheim. Am Ufer wurden 65 einheimische Bäume und Sträucher gepflanzt.

Die Renaturierung des zweiten Abschnitts des Wellritzbachs steht kurz vor ihrem Abschluss. Bis zum nächsten Frühjahr sollen neue Bänke aufgestellt und Brücken gebaut werden. 2005 war bereits der obere Bachlauf, eine Strecke von 400 Metern, in einen natürlichen Lauf verlegt worden. Über seine gesamte Strecke ist der Bach noch nicht vom Beton befreit. Oberhalb des ersten Abschnitts fließt das Wasser weiterhin über ein 50 Meter langes Teilstück aus Beton.

Der Wellritzbach
Das Gewässer entspringt als Gehrner Bach am Schläferskopf, nach dem Zufluss des Kältebachs nördlich von Klarenthal heißt er Wellritzbach. Er verläuft durchs Wellritztal und wird am Kurt Schumacher-Ring unterirdisch bis zum Salzbachkanal weitergeführt.

Mit dem Programm„Hundert wilde Bäche“ möchte das hessische Umweltministerium modellhaft hundert Bäche renaturieren. Ziel ist, Lebensraum für seltene Arten und Retentionsraum für Hochwasser zu schaffen und die Artenvielfalt zu erhöhen. Zudem sollen als Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel Frischluftschneisen entstehen oder erhalten werden. Das Land stellt in Aussicht, bis zu 95 Prozent der Kosten zu übernehmen. mre

„Das Bett wurde flach und weit gestaltet, es ist für ein hundertjährliches Hochwasser ausgelegt“, sagt Landschaftsarchitekt Christoph Schmitt. Aktuell sieht der Wellritzbach aus wie ein munter plätscherndes Bächlein, bei Starkregen kann er sich aber in ein reißendes Gewässer verwandeln. Auch bei einem Unwetter, wie es Wissenschaftlern zufolge mit einer Wahrscheinlichkeit von einmal in hundert Jahren vorkommt, soll der Bach in seinem Bett bleiben. Die Renaturierung des Wellritzbachs wird aus Mitteln des Landesprogramms „Hundert wilde Bäche“ gezahlt. 630 000 Euro, das sind 85 Prozent der Kosten, trägt das Umweltministerium.

Die Ufer würden nicht zu dicht bepflanzt, damit der Bach für die Menschen erlebbar werde, sagt Schmitt. Kinder sollen im seichten Wasser spielen und sich auch mal nasse Socken holen können.

Das Ziel der Renaturierung sei nicht nur, das Gelände ökologisch aufzuwerten, erläutert Umweltdezernent Andreas Kowol (Grüne). Die Natur werde sich in den nächsten Jahren neue Biotope am Bach schaffen. Es sei auch als ruhiges Naherholungsgebiet für die Bewohner der angrenzenden Stadtteile Rheingauviertel und Hollerborn geplant. In der Nähe der Friedrich-Naumann-Straße soll ein Klettergerüst aufgestellt werden. Als Fahrradschnellstrecke sei der Weg entlang des Bachs und durch die weitläufigen Wiesen aber nicht gedacht.

Der Wellritzbach liegt nicht in seinem ursprünglichen Lauf, „aber dicht daran“, sagt Schmitt. Die Arbeiter seien beim Ausheben des Bachbetts immer wieder auf Sedimente gestoßen. Einige Gumpen wurden gebaut, damit Fische und andere Wassertiere in regenarmen Sommern, sollte das Bächlein trocken fallen, überleben. Gumpen sind Vertiefungen, in denen sich Restwasser sammelt.

Die Wasserqualität ist gut. Klaus Lamprecht, bei der Stadt für die kommunale Gewässerunterhaltung zuständig, zeigt ein Foto einer 20 Zentimeter langen Bachforelle, die beim Probelauf in den Geschiebefang geraten war. Forellen seien ein Indikator für gesunde Gewässer, sagt er. Der Fisch habe später wieder in Freiheit schwimmen dürfen.

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