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Wegen Lackschadens erstochen

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Zwei Männer sind des Totschlags angeklagt. Sie schweigen beharrlich, dafür berichten die Opfer, was geschehen ist. Wegen einer Lappalie, einem Lackschaden, wurde ein Mann im Beisein seiner Kinder erstochen.

Von Bastian Beege

Als die Staatsanwältin das Opfer Wassim A. fragt, wie er seit dem gewaltsamen Tod seines Vaters zurecht kommt, übermannen diesen die Tränen: „Ich habe seelische Schäden und bekomme Schweißausbrüche, wenn jemand hinter mir steht“, schluchzt der 27-Jährige. „Aus Angst davor, jemand könnte mir wieder in den Rücken stechen.“ Nach einem Moment fährt er mit brüchiger Stimme fort: „Von einer ganzen Familie wurde das Leben zerstört.“

Zerstört wurde es am 1. Juni 2012, aufgrund einer Lappalie: Ein schwarzes Auto schrammte ein weißes Auto, geringfügiger Lackschaden. In der Niederwaldstraße geschah das, im Rheingauviertel. Es kam zu einem Gerangel zwischen den Beteiligten. „Ich hatte den Mann mit dem schwarzen Hemd unter mir“, berichtet Wassim A. Als er aufschaut liegt sein Vater regungslos am Boden. „Der Mann mit dem weißen Hemd hatte ein Messer in der Hand.“

Vater verblutete auf der Straße

Der Mann mit dem weißen Hemd heißt Shkodran B., 32 Jahre alt, aus dem Kosovo, angeklagt vor der 2. Strafkammer des Landgerichts wegen Totschlags in einem Fall und versuchten Totschlags in zwei weiteren Fällen. Neben ihm sitzt im schwarzen Hemd Bruder Pashtrik B, 28 Jahre, beschuldigt der gefährlichen Körperverletzung. Beide schweigen beharrlich zu den Vorwürfen.

Dafür reden die überlebenden Opfer. Wassim und Ala A. haben gesehen, wie ihr Vater mitten auf der Straße verblutete. Sie selbst wurden mit mehreren Messerstichen schwer verletzt. Wie ihr Vater erstochen wurde, haben sie in dem Getümmel allerdings nicht gesehen. „Wir müssen rekonstruieren, was genau passiert ist“, fordert der Richter. Die beiden Brüder geben ihr Bestes, zunächst Ala A.: Pashtrik B. hatte das parkende Auto von Wassim A. geschrammt. Weil letzterer die Polizei zur Unfallaufnahme verständigte, geriet Pashtrik in Rage. „Er war sehr aggressiv, drohte uns“, berichtet Ala A. Was als Wortgefecht zwischen den beiden Nachbars-Familien begann, geht plötzlich in ein Gerangel über, an dem die Brüder A. und deren Vater sowie die Brüder B. beteiligt sind.

Profi am Werk

Ala A. berichtet, wie er am Boden mit Shkodran B. gekämpft hat. „Plötzlich spürte ich einen schmerzhaften Stich im Unterschenkel.“ Ala A. ist für einige Sekunden außer Gefecht gesetzt, als er auf die Beine kommt, sieht er seinen Vater blutend zusammenbrechen. Anschließend wird er eigenen Angaben zufolge Zeuge, wie sein Bruder Wassim von Shkodran B. niedergestochen wird. „So wie der mit dem Messer umging, habe ich sofort gemerkt, dass das ein Profi ist“, schildert Ala A. „Hätte auch Pashtrik die Gelegenheit gehabt, Ihren Vater zu töten?“, fragt der Richter. „Ich denke nicht, Shkodran stand näher zu meinem Vater“, so die Antwort. Diese Annahme deckt sich mit der Erinnerung seines Bruders Wassim: Er sei die ganze Zeit über mit Pashtrik B. beschäftigt gewesen, habe ihn unter Kontrolle gehabt. „Als ich nach oben sah, war alles voller Blut.“ Wassim A. deutet auf ein an die Wand projiziertes Tatortfoto, versucht die einzelnen Bewegungsabläufe zu verdeutlichen.

Während das Opfer den vermeintlichen Tathergang erläutert, schüttelt der Angeklagte Shkodran B. immer wieder abschätzig den Kopf. Ein selbstbewusstes Grinsen umspielt seine Lippen. Letzteres könnte ihm jedoch bald vergehen. Denn an den drei Verhandlungstagen sollen insgesamt 15 Zeugen zu Wort kommen. Im Falle eines Schuldspruchs droht Shkodran B. eine lange Freiheitssprache von bis zu 15 Jahren. Und auch sein Bruder Pashtrik könnte für seine Beteiligung an der Tat für mehrere Jahre hinter Gitter wandern.

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