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Job weg, Frau weg, Wohnung weg

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Das Männerwohnheim der Heilsarmee in Wiesbaden ist mit 50.000 Übernachtungen im Jahr eines der größten in Deutschland.

Eigentlich sah die Zukunft gar nicht mal so schlecht aus: Ausbildung zum Koch, Job in der Gastronomie, er wollte heiraten. Doch dann landete Frank im Knast - "wegen Körperverletzung", wie der 31-Jährige zugibt. Auch wenn er nur einige Monate einsaß, anschließend war sein Leben im Eimer: Job weg, Frau weg, Wohnung weg - nur die Schulden waren geblieben. "Ich wurde zum Penner, lebte auf der Straße", erzählt Frank. Nach einigen Tagen entschloss er sich dazu, bei der Heilsarmee um Obdach zu bitten. "Kein leichter Schritt. Denn damit war ich endgültig in einer Schublade gelandet, in die ich niemals rein wollte."

Es ist Donnerstagmorgen. Frank läuft mit einem Besen durch das Erdgeschoss des Männerwohnheims in der Schwarzenbergstraße und räumt das allmorgendliche Chaos auf. 80 Betten umfasst die Notunterkunft für Obdachlose, die gerade jetzt im Winter gut gefüllt ist. Nach dem Frühstück müssen die Übernachtungsgäste das Haus verlassen - anschließend macht sich Frank an das Putzen. Seit zweieinhalb Jahren lebt er bereits hier, übt seit kurzem seinen Job als Reinigungskraft aus und wohnt "in einem Dienstzimmer im zweiten Stock", wie er stolz sagt. Ein Anfang sei das, mehr nicht. "Die Regelmäßigkeit gibt mir wieder einen gewissen Halt im Leben."

Das Männerwohnheim der Heilsarmee ist eines der größten in Deutschland. Neben den bereits genannten 80 Betten im Durchgangsbereich gibt es weitere 130 Plätze im Wohnbereich. Es sind die Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter, die hier in einfachen Zweibettzimmern leben - manchmal für einige Monate, manchmal für den Rest ihres Lebens.

Herzblut ist erforderlich

Hans-Jürgen Schürmann leitet die Einrichtung seit 2002 - "mit viel Herzblut", wie der 53-jährige betont. Letzteres braucht er auch, denn ansonsten wäre die Arbeit kaum zu schaffen: An 365 Tagen im Jahr lastet auf den Schultern Schürmanns und seines 15-köpfigen Teams ein riesiger Organisationsaufwand - das verdeutlicht allein die folgende Zahl: Zwischen 45.000 und 50.000 Übernachtungen im Übergangsbereich zählte die Statistik im vergangenen Jahr, der Wohnbereich ist zu etwa 80 Prozent ausgelastet. "Wir mussten jedoch noch nie jemanden wegschicken", sagt Schürmann.

Jeden Tag ab 16.30 Uhr öffnet das Männerwohnheim seine Pforten für die Obdachlosen. In Schlafsälen für bis zu 20 Personen verbringen die Gäste die Nacht, im Übernachtungspreis von zwei Euro sind auch Abendessen und Frühstück enthalten. Wer länger bleiben möchte, der kann in die Wohnabteilung wechseln. Den fälligen Tagessatz von 2,50 Euro bestreiten die Leute aus eigener Tasche oder mit Unterstützung des Sozialamts. Im Preis enthalten sind neben der Verpflegung auch alle Nebenkosten, Bettwäsche und Reinigung. "Wir kriegen viel Unterstützung von der Stadt" zeigt sich Schürmann dankbar. "Täglich allein 4,50 Euro Essensgeld pro Person."

Doch bei dem Preis darf man natürlich nicht zu viel Komfort erwarten: Die Zimmer sind sehr klein und einfach gehalten, sanitäre Einrichtungen finden sich auf dem Gang. Doch es liegt auch an den Menschen selbst, was sie aus ihrem Leben machen. "Leider haben sich viele Leute aufgegeben", weiß Frank zu berichten. "Sie waschen sich nicht mehr und sauen ihr Zimmer ein." Ein unangenehmer Geruch auf den Fluren bekräftigt diesen Eindruck. Heimleiter Schürmann nimmt diesen jedoch kaum noch wahr. "Man gewöhnt sich dran", sagt er achselzuckend. "Mich kann nichts mehr schocken." Kein Wunder, schließlich hat Schürmann bereits seine Kindheit in Heimen verbracht - denn auch seine Eltern standen im Dienste der Heilsarmee und hatten nicht zuletzt das Männerwohnheim in der Schwarzenbergstraße vor 2002 zwei Jahrzehnte lang geleitet.

Und so verwundert es nicht, dass Schürmann selbst in kriti-schen Situationen stets einen kühlen Kopf behält: "Aggressionen sind hier an der Tagesordnung", sagt er. Ab und an müsse sogar die Polizei alarmiert werden. Doch meist lassen sich Konflikte so regeln - dafür sorgt nicht zuletzt Frank, der im Notfall auch mal seine Muskeln spielen lässt: "Ordnung muss sein - auch wenn wir hier ein Stück weit außerhalb der Gesellschaft leben." (babe)

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