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Vorbild in der Heimat

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Tobias Welz zeigt an, wo's langgeht.
Tobias Welz zeigt an, wo's langgeht. © Getty Images/Joern Pollex

Tobias Welz pfeift in der Fußball-Bundesliga – in Wiesbaden begann seine Karriere. Anfangs war es nicht immer leicht, den Beschimpfungen von Fans und Eltern standzuhalten. Trotzdem ist er Wiesbaden noch immer verbunden und erhält von der Landeshauptstadt eine Auszeichnung.

Von Bastian Beege

Schiri, wir wissen, wo dein Auto stand, hat gut gebrannt!“ „Schiri, du Blödmann!“ – Solche und ähnliche Parolen kennt Tobias Welz zur Genüge aus seiner Jugend. Im Jahr 1989 nahm der heute 35-Jährige in Wiesbaden zum ersten Mal die Pfeife in den Mund, noch heute erinnert er sich kopfschüttelnd an die damalige Zeit: „Wenn einen Trainer und Eltern am Spielfeldrand beschimpft haben, konnte man sich schon fragen: Warum tut man sich das an?“

An dem Punkt werfen viele Kollegen Gelbe und Rote Karte in den Papierkorb. Welz ließ sich hingegen nicht unterkriegen. „Die Freude an der Sache hat für mich stets überwogen“, sagt er. Der junge Mann griff nach den sportlichen Sternen – mit Erfolg: Wenn Welz heute aufläuft, verschwimmen aggressive Einzelzuschauer in einer 40.000 oder mehr Köpfe zählenden Fanmasse: Willkommen in der Fußball-Bundesliga. 32 Spiele hat er bislang in der obersten Spielklasse geleitet, 2013 wurde er zudem zum Referee des Weltverbandes Fifa berufen.

Der Heimat verbunden

„Wenn heute Fans meckern, geht das in diesem riesigen Stadion total unter“, sagt Tobias Welz lächelnd. Doch er fühlt nach wie vor mit, wenn er an die Kollegen auf Wiesbadens Bolzplätzen und anderswo denkt: „95 Prozent aller Fußballspiele finden hierzulande auf Kreisebene statt. Ich empfinde große Bewunderung dafür, was dort geleistet wird.“

Noch immer engagiert sich Welz mit seinem Namen auf Kreisebene, „wann immer es meine Zeit zulässt“. Er ist auf Lehrabenden dabei und begleitet junge Schiris bei ihren ersten Schritten.

Die Landeshauptstadt möchte Welz nun auszeichnen – dafür, dass er seiner Heimatstadt so verbunden geblieben ist, und dafür, dass er als erster Schiedsrichter Wiesbadens von der Fifa nominiert wurde.

Im echten Leben Polizist

Die Pfeife wurde Tobias Welz quasi in die Wiege gelegt: Bereits sein Vater hatte es bis in die Bundesliga geschafft. „Ich bin da folglich reingewachsen“, sagt der Sohn. Seine Einsatzzahl erreicht bereits den vierstelligen Bereich, als er am 28. August 2010 erstmals in der Ersten Bundesliga aufläuft: Nürnberg – Freiburg. „Logisch, das war schon etwas ganz Besonderes.“ Der Einsatz verlief zu seiner Zufriedenheit, machte ihm Lust auf mehr. Ein zweiter Höhepunkt seiner bisherigen Laufbahn war das Champions-League-Halbfinale zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona, bei dem Welz als Torrichter von Schiedsrichter Wolfgang Stark auflief. „Das war schon eine Gänsehaut-Stimmung.“

Welz hat einen vollen Stundenplan. Hauptberuflich arbeitet er als Polizist in Wiesbaden, in jeder freien Minute beschäftigt er sich mit Fußball: im Einsatz am Wochenende in der Bundesliga und unter der Woche im europäischen Fußball, beim Analysieren vergangener Einsätze, beim Fitnesstraining – oder einfach nur beim Spiele schauen. „Man muss immer auf dem Laufenden bleiben, wie sich der Fußball entwickelt“, erklärt er.

Lernen für's Leben

Das klingt nach einem 48-Stunden-Tag – den es allerdings auch im Leben von Tobias Welz in dieser Form nicht gibt. „Klar, dass hierunter vor allem das Privatleben leidet“, so der 35-Jährige. Doch seine große Leidenschaft ist ihm das wert: „Man wird zum wichtigen Teil des Fußballspiels, trägt dazu bei, dass die Zuschauer eine schöne Partie geboten bekommen.“ Zudem entwickle man seine eigene Persönlichkeit: „Ruhe in Stresssituationen, blitzschnelles Treffen von Entscheidungen – von den auf dem Feld gemachten Erfahrungen profitiert man sein ganzes Leben.“

Doch auch andere sollen von seinen Erfahrungen profitieren: Wenn Welz in der Münchner Arena auf Foulspiel entscheidet, dann will er gleichzeitig Vorbild sein – für all die Schiedsrichter, die mit ihrem unermüdlichen Einsatz in den Kreisligen dafür sorgen, dass es die Bundesliga überhaupt geben kann. Und für all die jungen Menschen, die vielleicht selbst mit dem Gedanken spielen, Schiedsrichter zu werden. Nicht zuletzt die Stadt Wiesbaden dankt es ihm.

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