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Die Stare in der Adolfsallee lassen alles unter sich fallen - und unten stehen die Autos.

Tiere in Wiesbaden

"Bald siedeln die Sittiche auch in Frankfurt"

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Der Umweltexperte Magnus Rabbe spricht im FR-Interview über die Folgen fehlender Lebensräume für Vögel in Wiesbaden, das Abschussverbot und gefiederte Einwanderer.

In der Dämmerung fliegen zurzeit Hunderte Stare in die Bäume der Adolfsallee, um dort zu übernachten. Das ist nicht nur ein viel bestauntes Naturschauspiel. Für die Anwohner bedeutet es Lärm und Dreck. Geparkte Autos werden dort stark verschmutzt.

Herr Rabbe, warum suchen sich die Stare ausgerechnet Wiesbaden aus?
Das haben sie mir nicht erzählt. Die Stare ziehen sich in den urbanen Raum zurück, weil sie wissen, der Mensch tut ihnen nichts und ihre Fressfeinde sind nicht in der Stadt. Das Schlimme ist, dass ihre natürlichen Schlafplätze, die Hecken und Baumgruppen etwa in den Auen, verschwunden sind. Die Landschaften sind zunehmend ausgeräumt. Die Stadt ist dagegen für sie gut strukturiert. Dort ist vielseitiges und abwechslungsreiches Grün in Form von Büschen, Bäumen und Kraut-Wiesenflächen vorhanden. Die Stare fliegen morgens gegen sieben Uhr an den Rhein, in die Rheinebene, nach Biebrich und in den Rheingau, um dort zu fressen und kehren abends um 17 oder 17.30 Uhr wieder zurück. In Wiesbaden sind uns zurzeit drei bis vier Schwärme in einer Größe von je 1000 bis 2000 Individuen bekannt.

Wie lange werden die Stare bleiben?
Wenn das Laub abfällt, verschwinden sie aus der Adolfsallee und suchen sich einen anderen Schlafplatz. Das Laub bietet Schutz, kahle Bäume dagegen würden sie Greifvögeln und Mardern offen zeigen. Aus der Erfahrung der letzten Jahre wissen wir, dass sie insgesamt vier bis sechs Wochen bleiben. Ich rechne damit, dass die Stare in zwei, drei Wochen weiterziehen und sich andere Schlafquartiere im Stadtgebiet suchen. Sie sind Strichvögel – solange es warm genug ist, bleiben sie in der Region. Im Winter habe wir sie schon in den Eiben an der Villa Clementine beobachtet, sie gehen aber auch an mit Efeu bewachsene Hauswände. Nur in strengen Wintern ziehen sie Richtung Süden.

Gibt es Stimmen, die den Dreck und Lärm wie jetzt in der Adolfsallee nicht hinnehmen wollen?
Ja, aber die ins Bundesrecht überführte europäische Vogelschutzrichtlinie verbietet es, die Tiere zu stören oder gar zu töten. Planen über die Bäume zu legen, würde nichts nützen. Sie würden auf andere Bäume fliegen. Vor ein paar Jahren verbrachten die Stare den Winter in den Eiben im Innenhof des Justizministeriums in der Luisenstraße; dort haben wir empfohlen, Sand auszustreuen, um den Geruch zu dämmen. Zurzeit wird der Spielplatz in der Adolfsallee zweimal in der Woche gereinigt und die Spielgeräte geputzt. Nach Abzug der Vögel muss der Sand ausgetauscht werden, denn der Vogelkot enthält Krankheitskeime. Auch andere Vogelarten wie Saatkrähen, die sich gerade stark vermehren, sind geschützt.

Saatkrähen in der Stadt?
Sie sitzen seit ein paar Jahren auf den Platanen auf dem Warmen Damm. Das sind Koloniebrüter, die Kolonien werden immer größer. Grund für ihren Umzug in die Stadt ist die großflächige intensive Landwirtschaft. Den Tieren wird der Lebensraum entzogen, wie auch den Insekten und anderen kleinen Lebewesen.

Wiesbaden ist auch für seine frei lebenden Papageien bekannt.
Wir haben zwei Arten, Alexandersittiche und Halsbandsittiche. Das sind Nachkommen einiger Individuen, die Mitte der 1970er Jahre aus Vogelschauen ausbüxten. Damals waren die Hauptstandorte Ingelheim und Biebrich. Inzwischen gibt es sie in der ganzen Stadt mit Ausnahme der Taunushänge, am Neroberg ist es ihnen zu kalt. Die Population in Wiesbaden hat mit 1400 bis 1500 Tieren ihre Maximalstärke erreicht. Sie sind schon im Rheintal bis Düsseldorf zu finden. Die Frankfurter Vogelschutzwarte beobachtet, dass sie gerade auf der Suche nach neuen Brut- und Schlafplätzen den Main hochwandern. Es ist davon auszugehen, dass sie sich in ein bis zwei Jahren in Frankfurt ansiedeln.

Verdrängen sie einheimische Arten?
Nein, die Ornithologen haben festgestellt, dass es dafür keine Belege gibt. Sie fressen gerne Knospen, Obst, Nüsse und Abfälle. Nach den Pausen sind sie auf Schulhöfen zu finden. Im Schlosspark Biebrich knabbern sie die Kastanienknopsen ab.

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