Teuer wird&#39s für den, der beim Schwarzfahren erwischt wird.
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Teuer wird's für den, der beim Schwarzfahren erwischt wird.

Mainzer Verkehrsgesellschaft

Viele Schwarzfahrer unterwegs

Die Mainzer Verkehrsgesellschaft begrüßt den Vorschlag, die Bußgelder zu erhöhen.

Von Bastian Beege

„Lieber Schwarzfahrer, schon am schwitzen?“ Nun ja, könnte auch daran liegen, dass im Bus die Klimaanlage nicht funktioniert und eindeutig zu viele Fahrgäste um zu wenig Sauerstoff konkurrieren. „Schon am Ausreden suchen?“ Äh, kaputter Fahrkartenautomat, Ticket verloren oder – wie war das noch? – ach ja, das berüchtigte Loch in der Jackentasche.

Ja, ich bekenne mich schuldig: Ich bin schon mal schwarzgefahren. Bewusst und im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Typisches Täterprofil, würde ich sagen: Morgens zu viel Zeit am Frühstückstisch verplempert – zu spät aus dem Haus geeilt – mit Erschrecken festgestellt, dass der Bus ausnahmsweise pünktlich ist – kurze Abwägung der Alternativen – ein beherzter Sprint, den Fahrkartenautomat links sowie das schlechte Gewissen rechts liegen lassend – schließlich in letzter Sekunde durch die sich bereits schließenden Türen gezwängt.

Meine Augen scannen den Bus, begegnen den gehetzten Blicken der Pendler, Kaugummi kauenden Schülern und zwei Müttern mit Kinderwagen. Ich habe zwar keinen Schimmer, woran man den notorischen Schwarzfahrer erkennt, kann aber auf Anhieb keine Verdächtigen ausmachen: Dabei müsste in dem Gedränge eigentlich noch ein Mittäter zu finden sein, oder zumindest ein halber. Dämliche Statistik.

Die Augen bleiben an der Fahrzeugdecke hängen, von wo aus mich ein rechteckiger Aufkleber vorwurfsvoll anstarrt und über Paragraf 9 der allgemeinen Beförderungsbedingungen belehrt: Demzufolge darf die Eswe-Verkehrsgesellschaft in meinem Fall „ein erhöhtes Beförderungsentgeld von 40 Euro erheben.“ Vorausgesetzt natürlich, ich gerate einem Kontrolleur in die Fänge.

Glücklicherweise bleibt mir die Schmach erspart. Gefühlt war das Risiko auch nicht sehr groß. Denn ich bin in vielen Jahren schon ziemlich oft Bus in Wiesbaden gefahren – die Male, bei denen ich kontrolliert wurde, lassen sich an den Fingern zweier Hände abzählen. Und es geht nicht nur mir so, wie mir meine diversen Sitznachbarn bestätigen: „Nö, kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt kontrolliert wurde“, sagt einer. Ein anderer: „Manchmal am Monatsanfang.“

Dabei hätte die Eswe allen Grund, Schwarzfahrern entschiedener den Kampf anzusagen: Denn von 100 Fahrgästen besitzen im Schnitt zwei kein Ticket. Bei rund 50 Millionen Passagieren im Jahr macht das eine Million Schwarzfahrer! Ein Einzel-Ticket kostet derzeit 2,50 Euro, folglich müssten den städtischen Verkehrsbetrieben jährlich zweieinhalb Millionen Euro durch die Lappen gehen. Ganz geht diese Rechnung natürlich nicht auf: Bedenkt man, dass viele Delinquenten ihr Zeitticket tatsächlich bloß vergessen haben und erwischte Schwarzfahrer gleich 16-fach zur Kasse gebeten werden, bleibt nach Angaben der Eswe zufolge ein Schaden in Höhe „eines mittleren sechsstelligen Betrags.“

Dennoch ein satter Verlust. Wo also sind sie, die Kontrolleure? Nach und nach gelange ich zu dem Schluss, dass letztere eine vom Aussterben bedrohte Spezies sind. Oder zumindest unter besonderem Artenschutz stehen. Nur so kann ich mir die Abfuhr erklären, die mir Eswe-Sprecher Holger Elze erteilt, als ich ihn darum bitte, mal einen Kontrolleur bei seiner Arbeit begleiten zu dürfen. „Das ist ein diffiziles Thema“, sagt er. „Unter anderem ist da die schwierige Sicherheitslage, die Gefahren für Sie können nicht kalkuliert werden.“

Und dann gewährt Elze Einblicke in die Schwarzfahrer-Politik seines Unternehmens: „22 Kontrolleure sind zu allen Tageszeiten und auf allen Linien im Einsatz, stets in Gruppen.“ Kaum ausreichend, bedenkt man, dass viele Missetäter eine simple Rechnung anstellen: Solange das regelmäßige Kaufen von Einzel- oder Monatsfahrscheinen teurer ist als die gelegentliche Strafzahlung von 40 Euro, ist es ja in gewissem Sinne nur logisch, schwarz zu fahren. Deshalb unterstützt Elze den Verstoß des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen, das „erhöhte Beförderungsentgeld“ auf 60 Euro anzuheben. „Das würde für mehr Abschreckung sorgen.“

Denselben Effekt würde auch eine Extrastrafe für Wiederholungstäter bewirken. Doch das ist in Wiesbaden bislang keine Option. Ein weiterer Vorstoß, den Schwarzfahrern Paroli zu bieten, wurde vergangenes Jahr im Stadtparlament abgeblockt. Der Vorschlag war, Kunden nach 20 Uhr nur noch an der Vordertür einsteigen zu lassen.

Und somit bleibt die wiederkehrende Forderung nach mehr Kontrollen in Wiesbadens Bussen. Bislang hält sich Eswe da aber zurück: „Es ist nicht unser Ziel, jeden zu kontrollieren, sondern bloß zu zeigen: Wir passen auf.“ Dieses „Aufpassen“ ist allerdings mit Gefahren verbunden. Immer wieder komme es zu ernsteren Zwischenfällen. „Oft müssen die Kollegen deeskalierend wirken“, sagt Elze, „mitunter kommt es zu Handgreiflichkeiten.“

Angesichts dieser Zustände schüttelt man auf der anderen Seite des Rheins bloß den Kopf. „Ja, in Wiesbaden ist die Situation deutlich verschärfter als bei uns in Mainz“, sagt Michael Meier, Vertriebschef der Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG). „Das berichten auch unsere Leute, die auf den zwischen beiden Städten pendelnden Linien kontrollieren.“ Zum Vergleich: In Mainz liegt die Schwarzfahrerquote nur bei 1 bis 1,5 Prozent, täglich sind zwischen drei und fünf Kontrollteams im Einsatz, 80 Kontrolleure stünden bei der MVG in Lohn und Brot. „Aggressive Fahrgäste sind bei uns die absolute Ausnahme.“

Warum es ausgerechnet in Wiesbaden mitunter heiß hergeht, kann sich Meier nicht erklären. „Irgendwie sind die Menschen dort anders.“ Aber was heißt „anders“? Laut Holger Elze ziehen sich die Schwarzfahrer durch alle soziale Schichten – vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Geschäftsmann. Kürzlich wurde eine repräsentative Studie veröffentlich, der zufolge Mainzer toleranter und freundlicher seien als Wiesbadener.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, mir die Mainzer zum Vorbild zu nehmen. Sprich, sollte ich jemals wieder kontrolliert werden, so werde ich den Kontrolleur besonders freundlich anlächeln – und ihm natürlich meinen gültigen Fahrschein präsentieren.

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