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Verzweifelte Bitten, zu fliehen

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Nina Römer
Nina Römer © Rolf Oeser

Journalistin aus Wiesbaden telefoniert morgens und abends mit ihren Freundinnen.

Jeden Morgen flehe ich meine Freundinnen an, aus ihren Städten zu fliehen.

Iryna will sogar nicht einmal in den Keller rennen, wenn die Sirenen heulen. „Es ist jetzt unsere Musik. Ansonsten ist es draußen sehr ungewöhnlich. Es ist still wie im Wald. Kein Laut. Keine Autos. Keine Stimmen. Kaum Geräusche sind zu hören“, sagt sie. „Dafür aber Bombenexplosionen“, unterbreche ich sie. „Ja, Bomben sind unser Schicksal. Ich habe vor kurzem meine Nachbarin getroffen. Sie weinte. Ihre Eltern waren beide im Garten, als sie eine Explosion hörte. Der Vater wurde durch Schrapnell getötet. Und die Mutter, die nur zehn Meter von ihm entfernt war, ist am Leben.“ – „Iryna, Fatalismus ist eine tolle Sache“, antworte ich, „aber du kannst auch woanders darüber meditieren. Überlege es dir doch bitte.“

Elena, eigentlich IT-Fachfrau, ist im Krieg zur Psychologin geworden. „Weißt du, Nina, jetzt wissen wir in der Familie, wer wie tickt. Ich bin wie gelähmt. Mir ist alles egal. Meine Mutter ist nach außen ruhig, aber innen arbeitet es in ihr. Mit ihren fast 90 Jahren ist sie ja gebrechlich. Übrigens sie ist eine Kriegsveteranin. 1943, als Teile der Ukraine befreit wurden, arbeitete sie mit 14 Jahren in einem Labor eines Metallwerks, und abends ging sie in die Schule. Mein Mann dagegen kann nicht stillhalten, er ist immer in Bewegung, er muss was machen, irgendwohin gehen, er kennt keine Ruhe.“ „Es gibt auch andere Möglichkeiten“, setzte ich dagegen. „Und deine Mutter solltest du doch fragen, ob sie fliehen möchte. Die Alten, die sind robuster als sie aussehen. Und robuster als wir, die Jüngeren. Denk darüber nach.“

Oksana bleibt in Saporischschja. Auch nach dem Beschuss des Atomkraftwerks denkt sie nicht an Flucht. „Ja, wir alle wussten, dass es zum Krieg kommen würde. Es war klar, dass Putin den Süden der Ukraine erobern will, um eine Landverbindung zwischen der Krim und Russland herzustellen. Aber dass er alle Städte unseres Landes bombardieren wird, und noch dazu Atomkraftwerke…“, sagt Oksana. „Genau. Siehst du, der Paranoiker ist zu allem fähig. Du musst fliehen“, flehe ich sie an.

Trotzdem will sie nicht. „Alle meine Männer – Mann, Sohn und Enkelkind sind hier. Ich muss in ihrer Nähe sein“, sagt sie. – „Aber du kannst nicht helfen. Du bist keine Ärztin oder Krankenschwester.“ – „Ich öffne morgens das Fenster, schaue auf goldene Kuppeln der Kirchen und bete für alle. Und ich helfe in der Stadt, wo ich nur kann.“ – „Dein Enkel ist erst 16 Jahre alt. Ihr beide müsst fliehen!“

Auch jeden Abend rufe ich meine Freundinnen an und dränge sie zur Flucht. „Mädels, ihr müsst raus.“ Das ist mein Mantra geworden.

Die Journalistin Nina Römer schreibt in unregelmäßigen Abständen von ihren Verwandten und Freund:innen in der Ukraine. Römer stammt aus der Ukraine, lebt aber seit über 20 Jahren in Deutschland, zurzeit in Wiesbaden.

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