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Der Paläontologe Jan Bohatý auf halber Höhe der imposanten Wand aus Kalk und Sedimenten.

Wiesbaden

Urzeitlicher Dyckerhoffbruch

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Vor einer halben Milliarde Jahren war das Klima der Landeshauptstadt karibisch: Palmen säumten den Strand einer großen Meeresbucht und allerorten pulsierte das Leben. Die Spuren sind bis heute zu sehen.

Wäre da nicht diese kleine Kipplaster-Karawane, die am Horizont gemächlich über den Rücken eines Müllbergs zuckelt, könnte man sich in der Unberührtheit des Dyckerhoffbruchs tatsächlich um Jahre, um Hunderttausende Jahre, zurückversetzt fühlen. Weit öffnet sich der Blick über die Senke des Ostfelds, an dessen Grund unwirtliches Dickicht und Schilf wachsen, und in dessen Thermik sich einige Störche auf weit ausgebreiteten Schwingen immer höher in den Himmel schrauben.

In der rötlich schimmernden Wand dieser ehemaligen Kalkabbau-Grube ist die Zeit zu Stein geworden und präsentiert sich dem Paläontologen Jan Bohatý wie die Seiten eines aufgeschlagenen Buches. Der Wissenschaftler steigt federnden Schrittes die wenigen Meter vom Grubenrand zu seiner Prospektionsstelle hinab. „Jede dieser Gesteinsschichten stammt aus einem anderen Erdzeitalter“, sagt der Leiter der paläontologischen Denkmalpflege beim Land Hessen. „Hier im Dyckerhoffbruch reichen die Aufzeichnungen in der Erdkruste eine halbe Milliarde Jahre, bis ins Kambrium, zurück.“

Bohatý wendet sich den körnigen Ablagerungen der Grubenwand zu. „Die Abfolge von weichen und harten Sedimenten, vor allem deren Zusammensetzung und die darin enthaltenen Fossilien, verraten uns viel über die klimatischen Gegebenheiten, über besondere Ereignisse, die sich auf die Umwelt ausgewirkt haben, und wie die Natur damit umgegangen ist“, erklärt der Wissenschaftler. Wenn sich in einer Schicht ganz besonders viele Fossilien einer Art und in der nächsten gar keine Fossilien finden, dann sei das ein untrügliches Zeichen dafür, dass ein einschneidendes Ereignis die Erde ereilte.

Erst die besondere Lage des heutigen Dyckerhoffbruchs macht derartige Betrachtungen überhaupt möglich. Wobei sich auch das „besonders“ auf längst vergangene Tage bezieht. Was heute zwischen Autobahnen und Müllhalde liegt, war einst geradezu paradiesisch. „Wir stehen hier genau am Strand eines prähistorischen Binnenmeers“, so Bohatý. „Da drüben, bei Mainz, war schon ,offshore marina‘, da finden wir manchmal Haifischzähne. Das heutige Wiesbaden liegt am Strand einer großen Meeresbucht, des Mainzer Beckens.“ Im flachen Wasser des Ufers setzten sich im Laufe der Jahre die Überbleibsel des urzeitlichen Lebens ab. „Wir finden hier in den Sedimenten Fossilien von Meerestieren, von Vögeln und anderen an Land lebenden Wirbeltieren“, schwärmt Bohatý.

Der einst von Dyckerhoff zur Zementherstellung abgebaute Kalk des Steinbruchs besteht bei genauerer Betrachtung aus den Überresten dieses Lebens. Bohatý bricht einen Stein auseinander und zeigt an dessen Oberfläche auf Myriaden winziger Muscheln, die über drei Ecken und eine halbe Milliarde Jahre mit der heutigen Miesmuschel verwandt sind, und mindestens der gleichen Anzahl Turmschnecken. „Beide Spezies waren hochspezialisierte Lebewesen, die mit dem extrem salzigen Wasser hier im flachen Uferbereich gut zurechtgekommen sind“, erklärt er.

Zu den Kalkschalen der damaligen Meeresbewohner kommen laut Bohatý noch zahlreiche Funde von Wirbeltieren, die am Strand verendet oder ins Wasser gefallen sind: Reptilien, Amphibien, viele Fische und auch Vögel, zum Teil große Vögel wie Flamingos. Die versteinerten Tiere finden die Forscher vornehmlich in den weichen Sedimenten zwischen den mehr oder minder soliden Kalkplatten.

Die besondere Zusammensetzung des Gesteins und der gesamte Aufbau der Wand machen den Dyckerhoffbruch zu einem paläontologischen Bodendenkmal: dem Idealtypus der sogenannten Wiesbadener Formation. „Wenn wir irgendwo ähnliche Gesteine oder Zusammensetzungen vorfinden, gleichen wir diese mit der Wiesbadener Formation ab“, sagt Bohatý. Daher sei das Ostfeld des Dyckerhoffbruchs streng gegen Eingriffe aller Art, besonders bauliche Eingriffe, geschützt. Ein hoher Zaun umgibt das Areal, das Tor ist von Norden aus mit einer stabilen Kette gesichert. Das ist laut Bohatý auch nötig, weil es immer mal wieder Probleme mit Fossilienräubern gebe.

Ganz der Öffentlichkeit entziehen wollen die Forscher das Bodendenkmal aber nicht. „Es gehört zu unserem Auftrag, das hier Gefundene auch publik zu machen, auf die Bedeutung und den Wert hinzuweisen. In die Zukunft schauen können wir nicht. Aber der Blick in die Vergangenheit lässt Rückschlüsse auf die langfristige Entwicklung zu, die noch vor uns liegt.“

Während Bohatý – bei Exkursionen auch mal mit Schülern, Studierenden und ganz normalen Bürgern – in den tieferen Gesteinsschichten buddelt, hat es sein Kollege, der Archäologe Dieter Neubauer, eher auf den Lößboden an der Oberfläche abgesehen. „Der Dyckerhoffbruch ist aufgrund seiner Aussicht bis zum Odenwald und dem fruchtbaren Boden schon immer ein attraktiver Standort für Siedlungen gewesen“, so Neubauer, der, wie Bohatý auch, nicht nur für Wiesbaden, sondern Fundorte in ganz Hessen zuständig ist. Für beide Wissenschaftler sind die Fundorte vor der Haustür der im Schloss Biebrich untergebrachten Denkmalschutzbehörde besonders interessant: Vom Jahr 6000 vor Christus bis in die Gegenwart finden sich rund um den Dyckerhoffbruch nahe Erbenheim noch Spuren der menschlichen Zivilisation. Urnengräber aus der Bronzezeit, Tonscherben, Fundamente, Waffen, Geld, Werkzeuge, Knochen. Eben das, was der Mensch schafft und zurücklässt.

„Weit mehr als 70 Fundstellen sind hier bereits dokumentiert, aber nicht weiter erforscht“, sagt Neumann und zeigt eine Karte der näheren Umgebung, auf der viele Punkte, die scheinbar wahllos verteilt wurden. Nahe dem Fort Biehler deutet er auf verwaschene Linien in der Landschaft. „Das ist eine Grabenanlage. Hier wurde im Ersten Weltkrieg der Grabenkampf an der Ostfront trainiert“, sagt Neubauer.

Während Bohatý ziemlich gelassen auf die jüngst bekannt gewordenen Pläne der Entsorgungsbetriebe der Landeshauptstadt Wiesbaden (ELW) blickt, die benachbarte Mülldeponie zu erweitern, sieht das Neubauer etwas kritischer. „Das paläontologische Bodendenkmal ist sowieso geschützt, die Erweiterungspläne beziehen sich ja nur auf das Areal südlich der Autobahn. Aber hier haben wir bereits einige dokumentierte Funde, von denen wir nicht wissen, was da noch alles im Boden schlummert“, erklärt der Archäologe.

In einem ersten Schritt sollen nun Magnetfeld-Aufnahmen des Areals angefertigt werden, auf denen sich zum Beispiel verschüttete Fundamente alter Gebäude, zum Beispiel Villen aus der Römerzeit, erkennen lassen. „Als Landesbehörde müssen wir in diesen vorbereitenden Prozess sowieso eingebunden werden“, sagt Neumann. Aber während seiner Aussage nach Länder wie Italien geradezu in historischen Artefakten und Ruinen schwimmen, muss die deutsche Archäologie mit weniger Funden auskommen – und das, was da ist, eben genauer untersuchen.

„Verhindern werden wir ein solches Bauvorhaben wie die geplante Erweiterung nicht, aber wir können und müssen sie aufmerksam begleiten“, sagt Dieter Neubauer. Einfach so zuschütten, das werde nicht funktionieren. „Um tätig zu werden, brauchen wir konkrete Hinweise darauf, dass wir dort auch etwas finden können. Daher die Magnetbilder.“

Sollten sich die Hinweise auf historische Funde verdichten, könnte zum Beispiel ein Archäologe neben dem Bagger postiert werden, der die Arbeiten beobachtet und der Maschine Einhalt gebietet, wenn es nötig wird. Die Wissenschaftler des Landes können die vielen Baustellen aber nicht alle selbst kontrollieren. „Das machen Unternehmer für uns, die der Bauträger bezahlen muss“, so Neubauer. Auf die Frage, ob von den Bauherrn vorzugsweise Firmen beschäftigt werden, die möglichst wenig finden, müssen beide Wissenschaftler kurz grinsen, verneinen aber unisono. Die Arbeit der Firmen würde vom Land überprüft. „Mogeln ist da schwer“, so Neubauer.

Beide Wissenschaftler fühlen sich bei den Erweiterungsplanungen der ELW bisher ausreichend eingebunden. Das zeige sich unter anderem daran, dass im für die Erweiterung der Deponiefläche vorgesehenen Areal ein weiteres Bodendenkmal liegt: ein prähistorisches Algenriff. ELW-Betriebsleiter Joachim Wack berichtet auf Nachfrage, dass die ELW planen, 65 der 180 erworbenen Hektar Land für den Naturschutz zu reservieren. „In dieser vernetzten Biotopstruktur wird das Algenriff als Bodendenkmal integriert. Seine Lage im Gelände ist geradezu ideal dafür“, so Wack.

Wie das vernetzte Biotop letztendlich aussehen soll, sei noch nicht klar. „Wir werden das mit dem Umweltamt und den Naturschutzverbänden gemeinsam erarbeiten, aber hier stehen wir noch ganz am Anfang“, versichert der ELW-Chef.

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