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Unter den Hut geschaut

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Von: Ute Fiedler

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Pilze sollten immer komplett betrachtet werden, sagt Franz Heller.
Pilze sollten immer komplett betrachtet werden, sagt Franz Heller. © Andreas Arnold

Ein Pilzgutachter kennt sie alle und wird bei Vergiftungen gerufen.

Franz Heller kommt gerade aus dem Wald. Er hat eine Schulklasse Pilze suchen lassen und sie hinterher bestimmt. Die guten Pilze blieben im Körbchen der Schüler, die schlechten landeten auf dem Waldboden.

Herr Heller, ist dieses Jahr ein gutes Pilzjahr?
Es ist nicht so gut wie in den vergangenen Jahren, aber man findet doch einiges in den Wäldern um Wiesbaden.

Woran liegt’s?
Der Sommer war zu heiß und trocken. In den vergangenen Jahren hat es viel mehr geregnet. Pilze mögen ein feuchtes Klima.

Was haben Sie mit den Kindern gefunden?
Steinpilze, Maronen, Rotfußröhrlinge, Parasole, Speisetäublinge.

Pfifferlinge?
Die habe ich tatsächlich in diesem Jahr noch nicht entdeckt. Auch keinen Semmel-Stoppelpilz.

Schmeckt der nach Semmeln?
Er sieht aus wie eine Semmel. Und er heißt so, weil er im bayerischen Raum bestimmt wurde. Bei uns müsste er eigentlich Brötchen-Stoppelpilz heißen.

Die Touren, die Sie anbieten, sind immer im Nu ausgebucht. Bieten Sie 2016 mehr an?
Nein. Ich biete pro Jahr für die Stadt neun Führungen für Erwachsene, zwei für Kinder, zehn für Schulklassen, zwei für die Volkshochschule, eine fürs Volksbildungswerk Bierstadt und drei für den BUND an. Das ist das absolute Maximum. Mehr geht nicht. Ich bin im Augenblick noch der einzige Pilzgutachter der Stadt.

Was ist mit einem Nachfolger?
Noch habe ich keinen. Ich bin zwar dabei, einen jungen Mann sachkundig zu machen und ihn als Nachfolger aufzubauen. Aber wie es so läuft: Er ist durch die Pilzberaterprüfung gefallen, wie übrigens mehr als die Hälfte der Teilnehmer des Kurses.

Ist die Prüfung so schwer?
Ja. Man muss in drei Bereichen überzeugen: n einem schriftlichen Teil, in einem didaktischen, bei dem man Pilze in einem Korb bestimmen muss, und dann gibt es noch eine mündliche Prüfung.

Das heißt, Sie führen im nächsten Jahr wieder alleine durch die Wälder?
Leider ja. Es ist schwer, Nachfolger zu finden. Viele haben auch Angst vor der Verantwortung, haben Angst, dass sie in Haftung genommen werden, wenn etwas schiefläuft.

Sie sind ja auch in der Giftnotrufzentrale tätig, werden angerufen, wenn sich jemand mit Pilzen vergiftet.
Ja, wir sind zu dritt in der Zentrale. Ich bin jedoch der Einzige, der 24 Stunden per Handy erreichbar ist.

Wie oft werden Sie zu Hilfe gerufen?
Im vergangenen Jahr wurde ich 19 Mal alarmiert. Dann bringen Polizei, Krankenwagen und Privatleute Pilzreste vorbei und ich schaue, welche Vergiftung vorliegen könnte. Habe ich einen Verdacht, informiere ich die Ärzte, die dann eine Therapie einleiten.

Wurden Sie in diesem Jahr auch schon alarmiert?
Zweimal. Einmal über die Giftnotrufzentrale, einmal von einer Kita aus dem Rheingau. Dort hatte ein Kind einen Pilz probiert. Zum Glück ist in beiden Fällen nichts Schlimmes passiert. Es waren nur Unverträglichkeiten.

Woran merkt man, dass nicht nur eine Unverträglichkeit vorliegt?
Wenn es eine halbe Stunde nach dem Verzehr von Pilzen im Magen rumort, kann man davon ausgehen, dass eine ,gute Vergiftung‘ vorliegt. Die giftigen Pilze wirken erst im Dünndarm, wo sie etwa nach zwölf bis 14 Stunden ankommen. Dann wird es wirklich gefährlich, denn dann wird die Leber zerstört.

Welche Fehler machen Pilzsammler?
Viele schneiden die Pilze ab, orientieren sich oft nur am Hut. Das reicht aber oft nicht aus, um einen Speisepilz von einem Giftpilz zu unterscheiden. Dazu muss man den kompletten Fruchtkörper betrachten, auch das untere Ende. Und zwar ganz genau.

Wie lange gehen Sie in diesem Jahr noch Pilze sammeln?
Die Saison dauert mindestens noch bis Ende Oktober, wenn es keinen Frost gibt auch noch bis Mitte November. In einigen Jahren habe ich auch noch im Dezember Pilze gesucht.

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