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"Unsere Situation ist katastrophal"

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Carsten Schack ist Geschäftsführer des Kulturzentrums Schlachthof in Wiesbaden.
Carsten Schack ist Geschäftsführer des Kulturzentrums Schlachthof in Wiesbaden. © FR/Müller

Der Schlachthof Wiesbaden ist eine der wichtigsten Konzert-Locations im Rhein-Main-Gebiet. Warum Geschäftsführer Carsten Schack trotzdem pessimistisch in die Zukunft blickt, erklärt er im FR-Interview

Wie geht es dem Wiesbadener Kulturzentrum Schlachthof nach 15 Jahren?

Was die Kultur betrifft, sind wir seit 15 Jahren sehr erfolgreich. Auch unsere Wirtschaftskraft ist enorm. Aber wir arbeiten leider immer noch in einem völlig maroden Gebäude. Wenn nicht bald etwas passiert, müssen wir wohl in ein, zwei Jahren schließen. Vielleicht sogar früher.

So dramatisch? Was muss passieren, um die Schließung abzuwenden?

Probleme machen uns baurechtliche Auflagen, Statik und erheblicher Platzmangel. Feuerwehr, Bauaufsicht und Hochbauamt wissen Bescheid. Nur: Offenbar ist die Notlage in ihrer Dimension in der Politik noch nicht angekommen. Um zumindest die Bespielbarkeit zu gewährleisten, muss man erheblich in die Instandhaltung des Gebäudes investieren. Aber selbst dann sind wir infrastrukturell auf Dauer nicht konkurrenzfähig, weder mit subventionierten Kulturzentren noch mit kommerziellen Veranstaltern. Wir betreiben immer noch Subventionskultur, finanzieren uns fast zu hundert Prozent selbst.

Wo gibt es Sanierungsbedarf? Was fehlt?

Es fehlt der Mindeststandard. Lager, Backstage-Räume, Toiletten, Hallenboden, Lüftung, Heizung, Licht, Ton, Büros, Haustechnik - die Liste ist lang. Im Vergleich zu anderen Kulturzentren ist unsere Situation katastrophal. Und alles andere als nachhaltig.

Wie viel Geld bräuchten Sie?

Zahlen zu nennen ist schwierig. Wir haben im Jahr 2007 Pläne entworfen, in denen steht, welche Maßnahmen nötig sind, um uns zukunftsfähig aufzustellen. Auch Beträge stehen drin - die sind jedoch höher als jene vier Millionen Euro, die uns die Stadt zahlen will.

Wann können Sie konkrete Zahlen nennen?

Das Wichtigste ist jetzt, mit der Stadt als Vermieterin ein Konzept zu erarbeiten, das auf drei Säulen steht: Baurecht, nachhaltige Wirtschaftlichkeit und Ökologie. Erst dann lassen sich belastbare Zahlen ermitteln. Eine Umsetzung wäre in Bauabschnitten oder Finanzierungsabschnitten denkbar. Natürlich muss der Betrieb größtenteils gewährleistet sein, damit wir nicht vom Markt verschwinden.

Gibt es Alternativen zu einer schrittweisen Komplettsanierung?

Wir könnten weitermachen, aber nicht wie bisher, sondern in stark reduzierter Form. Möglicherweise könnten wir im kleinen Raum etwas veranstalten. Der allein kann uns jedoch nicht ernähren. Kann also sein, dass einige von uns sagen: Reicht mir, tschüss, ich gehe nach Hamburg oder nach Berlin. Die meisten Mitarbeiter haben sich bewiesen. Für sie wäre es nicht schwer, woanders anzufangen.

Was würde eine solche Entwicklung - fände sie statt - für Wiesbaden und das Veranstaltungsangebot in der Landeshauptstadt bedeuten?

Wenn wir den Schlachthof nur eingeschränkt bespielen können, kippt das ganze Projekt. Das Kulturzentrum gehört heute zu den drei wichtigsten Veranstaltungshäusern in Wiesbaden - neben Kurhaus und Staatstheater. Der Schlachthof ist vor allem für junge Leute und für Musik ein wichtiger Ort. Ein Ort authentischer Kultur. Leider sind wir hier konkurrenzlos. Was wir anbieten, gibt es in dieser Breite aber sowieso nicht oft. Da muss man schon in die ganz großen Städte gehen.

Was meinen Sie mit "authentischer Kultur"?

Kultur, die in einem Milieu entsteht - anders als zum Beispiel "Deutschland sucht den Superstar". Das ist unser Leitgedanke. Und wir entdecken ständig neue Kulturen, neue Musik. Wir wollen Menschen inspirieren, indem wir Musik nach Wiesbaden bringen, die es hier vorher kaum gab. Wir wollen die Leute seelisch bereichern. Wenn´s nach uns geht, soll es so weitergehen. Wir wollen uns weiter Genres widmen, die große Medien eher vernachlässigen; in Zukunft etwa osteuropäischer Musik oder anspruchsvoller elektronischer Musik.

Ist Wiesbaden aus Ihrer Sicht eigentlich langweilig für junge Leute?

Ich sage es mal so: Junge Leute wollen etwas erleben und sind neugierig. Das kann man fördern oder vernachlässigen... Wiesbaden ist eben keine Stadt für einen kulturellen Aufbruch. Insofern arbeiten wir vielleicht gegen größere Widerstände als es woanders der Fall wäre.

Denken Sie, im benachbarten Mainz hätten Sie es da schon einfacher?

Sicher. Wir haben aber den Vorteil, dass wir uns nicht nur auf Wiesbaden konzentrieren, sondern auf das ganze Rhein-Main-Gebiet. Wir bedienen - gerade mit Konzerten - viele Städte: Mainz, Darmstadt, Offenbach, Frankfurt.

Welche Künstler würden Sie noch gerne nach Wiesbaden holen?

James Brown ist leider schon tot. Dann vielleicht "Rage Against the Machine". Oder Bob Dylan. Wäre fantastisch. Leider sind das alles Künstler, die eher in die Festhalle nach Frankfurt gehen. Wir könnten sie zwar auch anbieten, aber nicht im Schlachthof.

Und darüber hinaus? Gibt es nach 15 Jahren Schlachthof noch Träume?

Das Schöne ist: Wir haben uns schon eine Menge Träume erfüllt. Als etwa die Hamburger Band Kettcar mit einem Sinfonieorchester in einer Kirche gespielt hat - fantastisch. Reizvoll ist für uns, Musik in einem anderen Gewand darzustellen und neue Locations zu entdecken. Wir versuchen immer über den Tellerrand zu schauen. Die Vielfalt macht uns Spaß. Ich würde auch gerne mal etwas im Staatstheater machen. Wer weiß, vielleicht gelingt uns das noch.

Interview: Dimitri Taube

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