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Umweltverbände: Wohnungen im Wiesbadener Ostfeld nicht nötig

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Von: Madeleine Reckmann

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Noch sind Felder und Äcker im Ostfeld unbebaut. Das soll sich ändern.
Noch sind Felder und Äcker im Ostfeld unbebaut. Das soll sich ändern. © Rolf Oeser

Naturschützer und Natürschützerinnen halten die Zahlen zum Bedarf für zu hoch gegriffen und fordern Korrektur.

Die geplante Bebauung des Ostfelds begründen die Verantwortlichen der Landeshauptstadt stets mit dem dringenden Bedarf an günstigem Wohnraum. Im Mittelpunkt steht die Zahl 32 500. So viele Wohnungen würden bis 2040 benötigt, sagte etwa Roland Stöcklin, Geschäftsführer der Wiesbadener Entwicklungsgesellschaft SEG, die für die Projektentwicklung des Ostfelds zuständig ist, im Jahr 2020. Deshalb müsse der neue Stadtteil mit 4000 bis 6000 Wohneinheiten für bis zu 12 000 Menschen auf Wiese und Acker unbedingt gebaut werden.

Die Hessische Gesellschaft für Ornithologie (HGON) und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) kommen nach einer Analyse der Zahlen zu einem anderen Ergebnis. Ihnen zufolge fehlten wesentlich weniger Wohnungen. Und zwar so wenige, dass das Wohnquartier im Ostfeld gar nicht erforderlich sei.

Die Zahl 32 500 stammt aus dem Gutachten des Instituts für Wohnen und Umwelt (IWU) von 2017, das im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr, Energie und Wohnen eine Wohnungsbedarfsprognose für die hessischen Landkreise und kreisfreien Städte erstellte. Sie ist Bestandteil der vorbereitenden Untersuchungen für die Planung des Ostfelds und wird immer wieder herangezogen: im Bericht über die Wohnbauflächenentwicklung des damaligen Stadtrats Hans-Martin Kessler (CDU) vom Oktober 2020 und im Antrag für das Zielabweichungsverfahren vom Regionalplan Südhessen, mit dem erwirkt wurde, den Landschaftsschutz zugunsten der Bebauung aufzuheben. Auch wenn Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) wie kürzlich in einer Antwort auf eine Anfrage der Linken von 1200 zu bauenden Wohnungen im Jahr spricht, liegt die 32 500 zu Grunde. Verschiedene Gremien fassten also Entscheidungen unter der Prämisse, dass diese Zahl stimmt.

Ausgerechnet sie soll nach Ansicht der Umweltverbände falsch sein. HGON und BUND haben die Wohnungsbedarfsprognosen unter die Lupe genommen. „Es ist dringend erforderlich, die bislang verwendeten Wohnungsbedarfszahlen richtigzustellen“, fordert Jürgen Hübner von der HGON Wiesbaden. Nach der Auswertung kommen HGON und BUND zu dem Ergebnis, dass in den Jahren 2021 bis 2040 nur etwa 16 000 Wohnungen gebraucht würden. Die hohe Zahl von 32 500 fehlenden Wohnungen des IWU beziehe sich auf den „prognostizierten Neubaubedarf für 2014 bis 2040“, stellen die Verbände klar. Die Zahl sei auch unter dem Eindruck der vielen Geflüchteten im Jahr 2015 entstanden. Diese Prognosen würden nicht eintreffen. Die Stadtbevölkerung wachse nur langsam, von 2018 bis 2020 um 600 Einwohner:innen. Ein Trend zu einer starken Zunahme sei nicht erkennbar. Für die Dekaden 2021 bis 2040 sage selbst das IWU den geringeren Bedarf von 19 400 Wohnungen voraus. Rechne man die Ersatzneubauten für wegfallende Wohnungen heraus, weil für sie keine unbebauten Flächen bebaut werden müssen, kommt Hübner auf Basis der IWU-Zahl noch auf 14 800 Wohneinheiten. Kritik an der IWU-Bedarfsanalyse kommt auch aus dem Statistikamt der Stadt. Es sei anzunehmen, „dass die Prognose des Wohnungsbedarfs stark verzerrt ist“, zitiert Hübner aus einem Bericht. Der Architekt und Naturschützer moniert zudem, dass die Stadt nicht genug berücksichtige, wie viele Wohnungen als Alternative zum Ostfeld entstehen könnten, wenn Baulücken, Aufstockungen, Arrondierungen oder in der Planung befindliche Wohngebiete mitgezählt würden. Das Dezernat für Stadtentwicklung habe das Potenzial im November mit 13 300 Wohneinheiten beziffert. Die Lücke zur von HGON und BUND ermittelten Zahl von 16 000 sei also gar nicht mehr groß, heißt es im Bericht. Dafür sei kein Großprojekt wie das 490 Hektar große Ostfeld erforderlich.

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