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Beendet 2014 seine Arbeit am Staatstheater:  Manfred Beilharz.
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Beendet 2014 seine Arbeit am Staatstheater: Manfred Beilharz.

Theaterintendant Beilharz

"Türkisch ist eine spannende Sprache"

Theaterintendant Manfred Beilharz über seine Zukunftspläne und die aufregendste Stadt Europas

Herr Beilharz, Sie haben ein halbes Jahr vor den anstehenden Verhandlungen angekündigt, dass Sie ab August 2014 nicht mehr als Generalintendant für das Hessische Staatstheater zur Verfügung stehen. Haben Sie allmählich genug von Wiesbaden? Nein, sonst würde ich nicht noch zweieinhalb Jahre bleiben. Ich arbeite gern hier, es ist in der Tat die längste Phase, die ein Intendant seit langer Zeit hier zugebracht hat.

Es wird auch Ihre längste Zeit als Intendant ein und desselben Theaters sein, noch länger als zuvor in Bonn.

Ja. Und ich habe die Hoffnung, dass man sagt, was hier passiert und passierte, ist erfolgreich. Wenn ich lese, was die Ministerin zu meinem jetzt angekündigten Weggang sagt, dann würde ich lieber nicht als mein Nachfolger antreten wollen, weil das so positiv ist, das kann man ja gar nicht mehr übertreffen (lacht).

Was ist dann der Grund?Ich möchte mich noch mehr der internationalen Arbeit zuwenden. Wenn man den Job als Intendant ernst nimmt, ist man nicht nur für die ein oder zwei Inszenierungen zuständig, die man selbst in einem Hause macht, sondern auch für die anderen Produktionen. Ich bin im Laufe einer Spielzeit auf 32 Premieren und war vorher jeweils dreimal auf den Endproben. Ich reise zudem sehr viel für die Festivals, um die Produktionen zusammenzustellen, weil ich es für falsch halte, dass man etwas einlädt, was man nicht selbst gesehen hat. Jüngst hat sich eine Reihe von Einladungen zu Inszenierungen ergeben, etwa ans Stadttheater von Istanbul.

In welcher Sprache inszenieren Sie dort?Es soll ein deutsches Schauspiel auf Türkisch sein. Und da Türkisch meine fünfte Fremdsprache ist, freue ich mich darauf. Außerdem gibt es Gastspieleinladungen nach China und Osteuropa. Das würde ich gerne wahrnehmen, ohne ein schlechtes Gewissen dem eigenen Haus gegenüber zu haben.

Etatkürzungen wie seinerzeit in Bonn, das Sie 2002 verließen um hier Intendant zu werden, spielen also keine Rolle?Nein. Ich bin überzeugt, dass Etatkürzungen nicht die Folge meines Weggangs sein werden. Ich bin kein Hellseher, es geht im Laufe der Jahrzehnte immer auf und ab mit der Akzeptanz, Kultur und Theater zu finanzieren. Aber im Augenblick gibt es hier konkret keine Bedrohung.

Dass irgendwann der Wegfall einer Sparte droht, wie es in einem Theatergutachten für das Hessische Kunstministerium im Dezember 2010 schon einmal für die Tanzkompagnie durchgespielt wurde, ist also nicht zu befürchten?Das ist vom Tisch. Wir wissen nicht, was im Jahr 2020 sein wird, aber es gibt den erklärten Willen der Rechtsträger, da nun nicht hineinzuhacken. Die Tanzsparte besitzt eine große Ausstrahlung weit über das Rhein-Main-Gebiet hinaus, die Produktionen werden außerdem zu vielen internationalen Festivals eingeladen. Ich gehe davon aus, dass die politischen Zusagen vom Land wie auch von der Stadt, keine Sparte gefährden zu wollen, weit über meinen Weggang hinaus Bestand haben.

Wie lange läuft eigentlich noch der Vertrag mit Ballettdirektor Stephan Thoss?Ich kann immer nur so lang engagieren, wie mein eigener Vertrag läuft, also wie bei allen anderen bis August 2014.

Wenn Sie sich ab Sommer 2014 mehr der internationalen Theaterarbeit widmen wollen, was wird dann aus der Biennale „Neue Stücke aus Europa“, die Sie seinerzeit mitbrachten?Ich habe sie in Bonn vorgeschlagen, das Konzept entwickelt und Tankred Dorst überzeugt, dass er mitmacht. Ich halte es für eine kluge Entscheidung des Landes Hessen, sie hierhergeholt zu haben. Während die Maifestspiele ein städtisches Festival sind, ist die Biennale in erster Linie ein Festival des Landes. Es wäre sehr schade, wenn man es aufgeben würde. Wenn der Wille und die Finanzierung vorhanden sind, kann man sicher einen Weg finden, das fortzuführen.

Und wenn nicht, nehmen Sie es irgendwohin mit?Ich würde es versuchen, ja.

Sie gelten als „Intendantenschmied“, weil bereits weit mehr als ein Dutzend ihrer einstigen Mitarbeiter zu Intendanten berufen wurden. Wie müsste denn Ihr Nachfolger aussehen?Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder man ist mit einem Intendanten zufrieden. Dann versucht man einen möglichst Gleichen zu suchen, der die Linie fortsetzt und das Aufgebaute bewahrt, ergänzt und verbessert, falls das geht. Ist man mit ihm nicht zufrieden, sucht man in allen Punkten das Gegenteil. Land und Stadt haben aber artikuliert, dass sie versuchen, jemanden zu finden, der das hier Aufgebaute fortsetzt.

Vor Ihnen liegen noch zwei volle Spielzeiten, inklusive dreier Maifestspiele und zwei Theaterbiennalen...Wenn man die Schultheatertage noch nimmt, sind es sogar acht Festivals.

...welche Ideen wollen Sie in der verbleibenden Zeit unbedingt noch verwirklichen?Noch besser werden als wir sowieso schon sind. Ich habe immer davon geträumt, hier einen Choreographen-Wettbewerb zu gründen. Daran bossele ich seit anderthalb Jahren herum. Es ist aber sehr viel komplizierter, als ich mir das vorgestellt habe, weil es mir bis jetzt noch nicht gelungen ist, es finanziert zu bekommen. Das kostet zusätzliches Geld, das geht nicht bei dem eng gestrickten Budget.

Wie hoch ist denn der Etat?Unser Etat beträgt insgesamt 32 Millionen Euro, das ist fast zweieinhalb Mal weniger als das, was in Frankfurt für die drei Sparten zur Verfügung steht. Deren Etat liegt bei 75 Millionen Euro – wir haben mit dem Kinder- und Jugendtheater aber fünf Sparten.

Dennoch zählt das Wiesbadener Staatstheater seit Jahren zu den zehn besucherstärksten in Deutschland.Wir lagen bisher auf Rang acht, jetzt ist Frankfurt an uns vorbeigezogen und wir liegen auf Platz neun. Das wechselt, je nachdem, wie die Sommerpause liegt. Das heißt aber keineswegs, dass wir an Besuchern verloren haben. Wiesbaden hat rund 280000 Einwohner, wir zählten im vorigen Jahr 345000 Zuschauer. Die Stadt liegt von der Besucherzahl an neunter, von der Bevölkerungszahl her an 26. Stelle. Das ist ganz schön wacker.

Wodurch zeichnen sich die Wiesbadener Theatergänger aus?Unser Publikum spiegelt die Zusammensetzung der Gesellschaft: Junge und Ältere, und das ist eigentlich das Höchste, was man erreichen kann. Die Zuschauer setzen sich mit den Aufführungen auseinander und wenn sie kritischer Meinung sind, dann äußern sie das auch. Aber sie sagen nicht: „Da gehe ich nie wieder hin.“

Bleiben Sie nach Ihrer Zeit hier als Intendant in Wiesbaden wohnen?Wahrscheinlicher ist, dass ich nach Istanbul ziehe, denn das ist für mich die derzeit aufregendste Stadt in Europa. Mein Bruder war Arzt in Istanbul, ich besuchte ihn öfter und fing an, Türkisch zu lernen – eine spannende Sprache. Ich habe auch eine Reihe Freunde da. Ob ich tatsächlich dortin ziehe, weiß ich noch nicht. Für diese Entscheidung bleibt mir noch einige Zeit, und ich werde sie auch nicht alleine treffen.

Das Interview führte Mirjam Ulrich

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