Anna-Lena Würbach bereitet Vanessa auf die Kletterpartie vor.
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Anna-Lena Würbach bereitet Vanessa auf die Kletterpartie vor.

Wiesbaden

Trotz Handicap hoch hinaus

Die DAV bietet Kletterkurse für Menschen mit Beeinträchtigungen an. „Hoch hinaus – Klettern mit Handicap“ nennt sich das Projekt. Der Betreuungsaufwand ist hoch, unabhängig davon wie alt die Teilnehmer sind.

Von Peter H. Eisenhuth

Franca ist heute die Schnellste. Miro lässt sich davon nicht beeindrucken, sondern zieht sein eigenes Tempo durch. Und Vanessa hat diesmal eigentlich gar keine Lust, sich in die Höhe zu begeben – Pause machen und im Seil schaukeln hat auch seinen Reiz. Hoch hinaus geht’s dann eben beim nächsten Mal wieder.

„Hoch hinaus – Klettern mit Handicap“ ist eine noch junge Gruppe der Wiesbadener Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV), die Menschen mit Behinderung in speziellen Kursen nicht nur den Spaß am Klettern vermitteln, sondern ihnen auf diese Weise auch helfen will, Herausforderungen zu meistern. „Klettern trainiert die Muskeln, verbessert die Motorik und schult die Koordination“, sagt Projektleiterin Anna-Lena Würbach. „Und wenn man an der Wand die selbstgesteckten Ziele erreicht, stärkt das sowohl das Selbstvertrauen als auch das Selbstwertgefühl.“ Die Art und der Grad der Behinderung spielen fast keine Rolle, an die Teilnahme sind nur ganz wenige Voraussetzungen geknüpft. „Die Teilnehmer müssen den Kopf halten und die Beine heben können“, erklärt Nadine Zahm, „sonst wird es von der Unterstützung her zu schwierig.“

Der Betreuungsaufwand ist hoch, unabhängig davon, ob es sich um die Gruppe der Kinder ab sechs Jahren und Jugendlichen oder – der Übergang ist fließend – die Erwachsenen handelt. „In der Regel planen wir mit drei Betreuern für zwei Kinder“, sagt Zahm. Jeweils einen zum Absichern und gegebenenfalls einen, der nebenher klettert, um Hilfestellungen zu leisten. Franca gehört zu jenen, die keinen Begleiter benötigen. „Ich kann das alleine“, sagt sie. Ihr reicht es völlig, wenn unten einer steht und das Seil hält, wie sie bei ihrem schnellen Aufstieg unters Dach der Kletterhalle eindrucksvoll demonstriert hat.

Eigene Kletterwand als Ziel

Vor etwas mehr als einem Jahr waren Anna-Lena Würbach und Nadine Zahm mit der Idee des Handicap-Kletterns an den DAV herangetreten. Widerstände mussten sie dort nicht überwinden. „Uns hat der Vorschlag von Anfang an gefallen“, sagt Annette Klima, die stellvertretende Vereinsvorsitzende. „Und von der Umsetzung sind wir total begeistert.“

Mit Problemen hatten die Initiatorinnen bei der Suche nach ehrenamtlichen Helfern gerechnet, aber auch dieses Thema war rasch abgehakt. „Die Leute haben sich total schnell gemeldet, mittlerweile haben wir ein rund 30-köpfiges Team zusammen“, erzählt Sportwissenschaftlerin Würbach. Neben der Projektleiterin sind immer eine Klettertrainerin des Alpenvereins, eine Physiotherapeutin und eine Ergotherapeutin dabei. Unterstützung kam auch von der „Wiesbadener Nordwand“: Die Kletterhalle erließ den Kursteilnehmern im ersten Jahr den Eintritt und stellte obendrein das Material kostenlos zur Verfügung.

Andel Glock ist eine der Ehrenamtlichen und außerdem die Mutter des 18-jährigen Miro. Selbst eine passionierte Kletterin, hatte sie ihren Sohn gefragt, ob er sich auch einmal an der Wand probieren wolle. Er wollte. „Früher konnte ich nicht klettern“, erzählt er, „ich habe das alles hier gelernt. Und ich komme bis ganz oben.“ Das ist an diesem Tag umso wichtiger, als die Betreuer in luftiger Höhe Schokolade an die Wand gehängt haben – nach dem Motto „Wenn die Schokolade nicht zum Kletterer kommt, muss der Kletterer zur Schokolade kommen“, musste, wer davon naschen wollte, die Wand erklimmen.

Was Miros Leistung besonders bemerkenswert macht: Der unter einer spastischen Lähmung leidende Jugendliche meistert die Herausforderung überwiegend mit seiner Armkraft. Die Beine kann er zwar weit genug hochziehen, um sie auf dem nächsten Vorsprung abzustellen, aktiv einsetzen kann er sie allerdings nicht.

Das und wie er sich nach oben arbeitet, zeugt von großem Willen und Durchhaltevermögen. Und er wird sich an diesem Tag noch einmal auf den Weg machen. „Die Schokolade ist mir oben aus der Hand gerutscht“, sagt er, „und vom Boden mochte er sie nicht essen. Aber erst mal ist Pause.“ Zeit für ein Kartenspiel, Betreuerin Mechthild Zilies hat bereits gemischt.

Im ersten „Hoch-hinaus“-Kurs waren vor allem Kinder mit Down-Syndrom. Nun ist das Spektrum der Behinderungen größer, autistische Kinder sind ebenso dabei wie Kinder mit Hirnschädigungen. Die zehnjährige Vanessa ist etwa durch eine Cerebralparese beeinträchtigt; sie benötigt eine intensivere Betreuung.

„Bei ihr muss man schon mal die Hände führen“, erzählt Anna-Lena Würbach. Bei Lars dagegen reicht ab und an ein kurzer Ruf: „weiter links“ oder „ein bisschen höher“. Das sind aber auch die einzigen Hinweise, die auf die Behinderung des Jungen schließen lassen – Lars ist blind, aber wenn er kraxelt, merkt man davon so gut wie nichts.

Um den unterschiedlichen Behinderungen gerecht zu werden, haben Würbach und ihre Mitstreiter einige Routen selbst geschraubt. Miro benötigt etwa mehr Tritte, weil er die Beine sonst nicht hoch genug heben kann. „Und in der Erwachsenengruppe ist ein Mann mit halbseitiger Lähmung, für den wir auf seiner gesunden linken Seite mehr Griffe angebracht haben.“ Ziel sei es, eine Kletterwand zu kaufen, um auch an den Tagen, an denen in der Halle Hochbetrieb herrscht, genügend Platz zu haben. „Dafür bräuchten wir etwa 20 000 Euro“, sagt Würbach, „wir hoffen, dass wir das Geld über Spenden zusammenkriegen.“

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