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Tödliche Entscheidung

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Die Autorin und ihre Hauptfigur: Jutta Schubert und Alexander Schmorell.
Die Autorin und ihre Hauptfigur: Jutta Schubert und Alexander Schmorell. © Martin Weis

Die Wiesbadener Autorin und Theaterregisseurin Jutta Schubert schreibt einen Roman über Alexander Schmorell, dem kaum noch bekannten Gründer der Widerstandsgruppe Weiße Rose. Der Kämpfer gegen den Nationalsozialismus wurde von einer Freundin verraten.

Von Elisabeth Böker

Denkt man an die Weiße Rose, fallen einem die Namen Sophie und Hans Scholl sofort ein. Alexander Schmorells Namen verbinden nur die wenigsten mit der Widerstandsgruppe. Dabei war er es, der mit Hans Scholl die Weiße Rose im Juni 1942 gründete. Die anderen vier Mitstreiter kamen erst Monate später dazu. Die Wiesbadener Autorin und Theaterregisseurin Jutta Schubert hat Alexander Schmorells Schicksal in einem Roman aufgearbeitet.

„Erst die jüngste Forschung widmete sich vermehrt Alexander Schmorell“, sagt Schubert. Sie selbst wurde auf ihn bei Recherchen zu einem Theaterstück über die Weiße Rose aufmerksam, als sie mit Hinterbliebenen sprach – Familie und Freunde von Alexander Schmorell.

Schuberts Theaterstück war längst geschrieben, in einem Verlag erschienen und 2004 auf die Bühne gebracht. Immer wieder überlegte die Wiesbadenerin, dass Alexander Schmorell die Flucht hätte gelingen können. Sein Scheitern war ihr unerklärlich, und sie beschloss, in einem Roman die Geschichte des Widerstandskämpfers aufzuarbeiten.

Kürzlich erschien dieser – auch anlässlich des Erinnerungsjahrs: Vor 70 Jahren wurden die Mitglieder der Weißen Rose von den Nationalsozialisten verhaftet und ermordet. In „Zu blau der Himmel im Februar“ schildert Jutta Schubert aus der Perspektive mehrerer direkt beteiligter Personen die Tage von der Verhaftung Hans und Sophie Scholls bis zur Hinrichtung Alexander Schmorells.

Lange Gespräche mit Zeitzeugen

Nachdem Alexander Schmorell von der Verhaftung der Scholls erfuhr, tauchte er in München unter. Sein Freund Nikolay Hamazaspin gab ihm nach einigen Tagen seinen Pass. Sie tauschten das Bild aus. So sollte Schmorell über die Grenze in die Schweiz gelangen. Doch Schmorell entschied sich anders und kehrte nach München zurück. Dort wurde er mit Plakaten gesucht. Schmorell musste untertauchen, wagte aber nicht, zu Nikolay zu gehen, da er befürchtete, dass dieser von der Gestapo überwacht werde. Schmorell fand Unterschlupf bei seinem Zeichenlehrer, dann bat er eine Freundin um Obdach. Doch diese verriet ihn. Die Gestapo nahm ihn mit.

Jutta Schubert versucht, so nah wie möglich an der Realität zu bleiben. Nahezu alle Personen des Romans haben wirklich gelebt. Stapel von Verhörprotokollen und anderem Archivmaterial hat sie durchgelesen. Zudem führte sie lange Gespräche mit Zeitzeugen – darunter Nikolay Hamazaspin. „Ich nahm weder Tonbandgerät noch Kamera mit“, sagt sie. „Dadurch waren die Gespräche sehr persönlich und emotional.“ Eben diese Nähe zeichnet das Buch auch aus.

Die Gespräche mit den Zeitzeugen liegen mittlerweile über zehn Jahre zurück. Nur noch Nikolay Hamazaspin und Lilo Fürst-Ramdohr, die Freundin von Alexander Schmorell, leben. Ihnen hat sie ihren Roman zum Lesen gegeben. „Sie haben nicht damit gerechnet, dass sie einmal in einem Roman eine Rolle spielen werden“, sagt Schubert.

„Noch immer fragen sich die heute fast 100-Jährigen, ob sie das Leben ihres Freundes nicht hätten retten können, wäre er zu einem von ihnen zurückgekehrt“, sagt Schubert. Denn die Gestapo habe sie nicht im Visier gehabt. Und sie hätten ihn verstecken können. Ein Versteck hatten sie gefunden, weil sie wussten, dass er zurückkehren würde. Doch Schmorell entschied sich anders.

Jutta Schubert: Zu blau der Himmel im Februar. Kulturmaschinen Verlag, 16,90 Euro, ISBN 978-3-943-977-01-1

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