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Tafel Wiesbaden: „Vor unserer Tür stehen verzweifelte Menschen“

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Von: Diana Unkart

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Ruth Friedrich-Wurzel leitet die Tafel in Wiesbaden, die es seit 1999 gibt.
Ruth Friedrich-Wurzel leitet die Tafel in Wiesbaden, die es seit 1999 gibt. Michael Schick © Michael Schick

Leiterin Ruth Friedrich-Wurzel beobachtet, dass mehr Nicht-Tafelkunden um Unterstützung bitten und sorgt sich wegen der hohen Energiepreise, die die Tafel zusätzlich stemmen muss.

Eine nahezu verdoppelte Kundenzahl, ein zeitweise dramatischer Rückgang der Spenden: Bei der Wiesbadener Tafel stand ein Aufnahmestopp im Raum. „Wir haben es aber nicht übers Herz gebracht“, sagt Leiterin Ruth Friedrich-Wurzel. Sie klingt erschöpft – und dann wieder kämpferisch. „Es ist eine Wahnsinnsarbeit, die alle hier leisten.“

Frau Friedrich-Wurzel, welche Sorge treibt Sie im Moment am meisten um?

Die Situation ist schwierig. Zu unseren knapp 3000 Bestandskunden sind in den vergangenen Monaten 2500 Geflüchtete aus der Ukraine gekommen. Die Versorgung gelingt nur, weil wir mit einer Ausnahmegenehmigung und Spendengeld Waren zukaufen dürfen. Aber das Konto ist nahezu erschöpft. Gleichzeitig sind Lebensmittel teurer geworden, und die Ausnahmegenehmigung gilt nur bis Ende des Jahres. Bis dahin wird aber der Krieg nicht vorbei sein. Von städtischer Seite bekommen wir wenig Unterstützung. Zum Glück können wir uns wöchentlich über einen Dolmetscher für Ukrainisch und Russisch freuen. Den stellt das Amt für Soziales.

Sie haben darüber nachgedacht, einen Aufnahmestopp zu verhängen.

Wir haben im Vorstand darüber gesprochen, aber diesen Schritt bis jetzt nicht übers Herz gebracht. Es sind harte Zeiten, und vor unserer Tür stehen verzweifelte Menschen. Neulich stand ein junger Mann vor mir und sagte, er habe seit vorgestern nichts gegessen. Es geschieht derzeit häufig, dass Nicht-Tafelkunden um Unterstützung bitten und unser Neuaufnahmetelefon gut frequentiert wird.

Beobachten Sie eine Veränderung der Struktur Ihrer Kundschaft?

Bei den Bestandskunden nicht. Unsere Kundschaft ist bunt gemischt. Junge, Alte, verschiedene Nationalitäten. In den vergangenen knapp drei Jahren sind allerdings mehr Einzelpersonen in die Armut gerutscht, vor allem Ältere. Vermutlich hatten sie, um ihre Rente aufzubessern, einen Minijob, der coronabedingt weggefallen ist. Derzeit kommen mehr Menschen zu uns, die wegen der gestiegenen Preise mit dem Geld, das sie haben, nicht mehr über die Runden kommen.

Tafeln in anderen Städten haben massive Spendeneinbrüche beklagt. Wie ist die Situation in Wiesbaden?

Die Tafel Wiesbaden

Die Wiesbadener Tafel wurde 1999 gegründet. Sie wird von einem fünfköpfigen ehrenamtlichen Vorstand geleitet. Die tägliche Arbeit leisten etwa 240 Ehrenamtliche. Um die Logistik kümmert sich ein festangestellter Beschäftigter. Auf festen Touren werden rund 180 Lieferanten angefahren.

Die Mitarbeiter:innen versorgen rund 3000 Bestandskunden sowie rund 2500 Menschen, die vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchtet sind.

Spenden werden dringend benötigt. Haltbare Lebensmittel aber auch frische Ware sowie Hygieneartikel können bei Selfstorage MyPlace, Mainzer Straße 79 von Montag – Freitag zwischen 9 und 17 Uhr und bei der Tafel am Montag, Mittwoch, Freitag und Samstag zwischen 9 und 11 Uhr abgegeben werden.

Mit dem Betreff Ukrainehilfe kann nach wie vor für ukrainische Geflüchtete gespendet werden. Weitere Infos gibt es auf der Homepage. diu

Wir hatten in den 23 Jahren unseres Bestehens immer genug Waren – bis zum Ende der Sommerferien. Da riss die Kette plötzlich ab. So wenig wie damals hatten wir noch nie. Inzwischen ist die Situation glücklicherweise wieder besser. Dennoch müssen wir die Warenmenge im Blick haben. Die Tüten für unsere Kundinnen und Kunden sind aber so voll wie gewohnt.

In diesem Jahr überlagern sich viele Krisen und Probleme. Wenn Sie zurückblicken, was war die größte Herausforderung?

Ganz klar die Aufnahme der ukrainischen Geflüchteten. Die Situation anfangs war chaotisch. Alle waren überfordert: die Stadt mit der Suche nach Wohnraum, das Amt für Soziales mit der Ausstellung der Bescheide, die Banken mit der Einrichtung von Konten, wir mit der Organisation. Das lag auch an der großen Anzahl von in Wiesbaden angekommenen Geflüchteten – es waren viel mehr als 2015/2016. Vor unserem Gebäude standen Hunderte Meter lange Schlangen. Die Menschen haben sich teilweise am Vorabend angestellt, um am nächsten Tag Essen und andere Waren zu bekommen. An einem Tag mussten wir fünfmal den Notarzt rufen, weil Wartende in der Sonne kollabiert sind. Wir haben mobile Toiletten aufstellen lassen, damit die Menschen nicht in die Grünanlagen gehen mussten. Die Kosten dafür tragen wir.

Hat sich die Lage entspannt?

Inzwischen haben wir unsere Arbeit neu strukturiert, anhand der Sozialbescheide Tafelausweise erstellt, Zeitfenster eingerichtet, und es läuft. Mittwochs ist jetzt der Ausgabetag ausschließlich für die Ukrainer.

Welche Auswirkungen haben die hohen Energiepreise auf die Tafel?

Tja, das müssen wir sehen. Die Tafel ist in einer Kirche untergebracht. Und die Kirchen sind angehalten, in den Gebäuden nur noch für Frostschutz zu sorgen. Sie sollten nicht wärmer als acht Grad sein. Für einen Gottesdienstbesuch, der eine Stunde dauert, ist das okay. Aber wir arbeiten täglich stundenlang in dem Gebäude. Nun wird ein Sonderzähler eingebaut. Die zusätzlichen Heizkosten müssen wir bezahlen. Das kommt dann auch noch dazu. Die gestiegenen Energiekosten treffen uns wie jeden. Zum Glück ist die Wiesbadener Gesellschaft sehr spendenfreudig. Täglich klingeln Menschen, die von Lebensmitteln bis Haushaltswaren und Kleidung abgeben – das beweist, dass die Arbeit der Tafel geschätzt, anerkannt und unterstützt wird.

Interview: Diana Unkart

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