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Tägliche Anrufe in die Ukraine

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Nina Römer lebt seit über 20 jahren in Deutschland; sie ist aber in der Ukraine aufgewachsen.
Nina Römer lebt seit über 20 jahren in Deutschland; sie ist aber in der Ukraine aufgewachsen. © Rolf Oeser

Journalistin aus Wiesbaden telefoniert morgens und abends mit ihren Freundinnen.

Es gibt jetzt in der Ukraine zwei neue Zeit-Begriffe. Heute ist nicht Mittwoch oder 9. März. Heute ist der 14. Kriegstag. „Vor dem Krieg“ bedeutet nicht mehr vor dem Zweiten Weltkrieg, als Hitler am 22. Juni 1941 um 4 Uhr als eine der ersten Städte der Sowjetunion Kiew bombardierte. Putin hat in der Nacht zum 24. Februar um 4 Uhr den Ukrainern den Krieg erklärt. Das Timing ist perfekt. Hitler lässt grüßen.

Jeder Morgen beginnt mit Anrufen bei meinen Freundinnen. Iryna kenne ich seit den Uni-Zeiten. Sie will aus der Stadt nicht fliehen. „Ja, ich habe alle Risiken abgewogen. Ich will in Freiheit leben“, sagt sie. Es klingt nicht pathetisch. Sie spricht ganz ruhig und nachdenklich. Ihre Tochter habe gesagt, sie wolle ohne ihre Mutter nicht weg, obwohl sie einen elfjährigen Sohn hat. „Ich hab was zu tun“, sagt Iryna, „ich schneide alte Bettlaken zu Streifen und klebe die mit feuchter Seife kreuzweise auf Fensterglas. Schützt gegen die Schockwelle. Es sieht schön aus.“

Elena wohnt im Zentrum von Kiew. Sie kann aus Kiew nicht fliehen. Ihre Mutter und Schwiegermutter sind sehr alt und gebrechlich. „Ich weiß nicht wie wir das schaffen würden. Trotzdem haben wir vier Alarmrucksäcke eingepackt. Mit Essen, Medikamenten und Geschirr – fast wie für eine Wandertour. Zudem habe ich noch Corona. Vor zwei Tagen konnte ich noch laufen. Heute fühle ich mich schwach. Aber ich kämpfe an der Facebook-Front, helfe mit den nützlichen Informationen.“ Irynas Mann ist bei den Zivilverteidigungskräften der Stadt.

Oksana lebt in Saporischschja. „Ich sortiere gerade alte Klamotten für Banderas Smoothie.“ – „Für was?“ – „Nina, du bist nicht mehr auf dem Laufenden. Wir nennen so den Molotow-Cocktail. Dazu braucht man Lappen, aber nur aus Baumwolle.“ Bandera, bis heute sehr umstritten, war ein ukrainischer Nationalist, der einen ukrainischen Staat gründen wollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er in München durch den KGB ermordet. Oksanas Sohn ist an der Front. Ihr Mann, ein Offizier, darf nicht mehr dorthin, weil er zu alt ist. Er hilft an einem Kontrollpunkt in der Stadt. „Tschüss, Nina, ich muss kurz weg. Raketenalarm. Der Dreckskerl.“ Alle wissen, wer gemeint ist.

Unser Wortschatz ist viel reicher geworden. Wir sagen alle möglichen Schimpfwörter, etwa Laus, Luder, Arschloch, stinkender Mistkerl und merken es gar nicht. Wenn wir Videos von zerstörten Städten und Dörfern, von getöteten und verwundeten Menschen anschauen, gehen die uns leicht von der Zunge. Nach langen dreißig Minuten ruft Oksana mich zurück. „Ich bin wieder da.“

Jeden Abend rufe ich meine Freundinnen an, um Gute Nacht zu sagen.

Die Journalistin Nina Römer schreibt in unregelmäßigen Abständen von ihren Verwandten und Freund:innen in der Ukraine. Römer stammt aus der Ukraine, lebt aber seit über 20 Jahren in Deutschland, zurzeit in Wiesbaden.

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