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Symphonieorchester aus Kiew kommt nach Wiesbaden

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Von: Madeleine Reckmann

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Stargeiger Aleksey Semenenko stammt aus Odessa und lebt heute in Essen.
Stargeiger Aleksey Semenenko stammt aus Odessa und lebt heute in Essen. © Maryna Chorna

Sologeiger Aleksey Semenenko tritt im Kurhaus auf. Vier Wochen durfte er die Ukraine nicht verlassen - dann halfen Briefe an die Regierung.

Das Kiewer Symphonieorchester wird auf seiner Deutschlandtournee auch in Wiesbaden Station machen. Veranstalter in sieben deutschen Städten haben sich spontan bereiterklärt, mit der Einladung des bedeutenden Orchesters ein Zeichen für den Erhalt nicht nur des Orchesters selbst, sondern auch der ukrainischen Kultur zu setzen. Das ukrainische Kultusministerium habe den Musiker:innen die Ausreise für die Mission genehmigt, erklärt Carolin Lazarou, Sprecherin des Rheingau Musikfestivals, das das Konzert im Kurhaus organisiert. Wie politisch bedeutsam das Konzert eingeschätzt wird, ist auch erkennbar an der Schirmherrschaft, die Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), die hessischen Landesregierung und der Wiesbadener Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) inne haben.

Der zur Weltelite zählende Soloviolinist Aleksey Semenenko hat eine besondere mit dem russischen Überfall auf die Ukraine verbundene Geschichte. Der 33 Jahre alte Preisträger des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs stammt aus Odessa, siedelte für sein Studium an der Kölner Musikhochschule nach Deutschland über. Seit 2021 ist er Professor für Violine an der Folkwang Universität der Künste in Essen.

Am Abend vor Kriegsausbruch hielt Semenenko ein Konzert an der Kiewer Philharmonie und sollte in den Tagen darauf einen Meisterkurs für Kinder und Jugendliche geben. Dass plötzlich Panzer auf Kiew zurollten, habe ihn ihm „völlige Verwirrung und eine innere Mobilmachung von Körper und Geist“ ausgelöst, erinnert sich Semenenko im Gespräch mit der FR. Der Meisterkurs wurde abgesagt.

Das Konzert

Das Konzert ist am Donnerstag,
28. April, 20 Uhr im Kurhaus Wiesbaden. Gespielt wird Musik von Maxim Berezovsky, Ernest Chausson, Myroslav Skoryk und Borys Liatoschynskyi. mre

Karten erhältlich unter Telefon 06723 /602 170 oder via Internet: rheingau-musik-festival.de

Nach Deutschland fahren oder bleiben? Der Stargeiger zögerte und blieb eine Nacht in Kiew. Das sollte ihm fast zum Verhängnis werden. Vier Wochen war unklar, ob er wegen der Generalmobilmachung die Ukraine verlassen könne. Als er am nächsten Abend den Zug nach Westen nahm, wurde er in Lemberg an der Ausreise gehindert. Denn Semenenko war mit ukrainischer Staatsbürgerschaft eingereist. Dass seine Frau den deutschen Pass am ersten März nachreichte, half nicht. Generäle des ukrainischen Militärs setzten sich für ihn ein – erfolglos. Erst ein Brief an verschiedene ukrainische Ministerien ermöglichte, dass Semenenko mit sieben weiteren Musiktalenten am 25. März die Ukraine verlassen durfte. “Wir fuhren in zwei Autos über die Grenze“, berichtet er. Am Ende habe der deutsche Pass doch geholfen.

Die Schwebezeit nutzte Semenenko, um in Lemberg Konzerte zu geben. Als er in der Musikschule vor Eltern und Schüler:innen spielte, habe die Sirene vor dem Beginn und mit den letzten Takten am Ende geheult, erzählt er. Semenenko hatte sich ukrainische Stücke wie „Gebet für die Ukraine“ von Valentin Silvestrov ausgesucht. Es wurde ein emotionaler Auftritt: „Einige Leute weinten vor Rührung und vor nervlicher Erschöpfung.“ Ein Konzert mit der Lemberger Philharmonie wurde aufgezeichnet.

Semenenko zählt sich nicht zu den Musikern, die aus Hass auf die Russen keine russischen Werke mehr spielen möchten. „Tschaikowsky hat nichts Schlimmes getan“, sagt er, „ und Alexander Skrjabin ist mein Lieblingskomponist.“ – „Man sollte mit den Freunden, die gegen den Krieg und das Regime sind, weich und sanft umgehen und sie unterstützen“, sagt er. Im Mai werde er in Stuttgart mit einem russischen Celisten ein Konzert geben.

Während Semenenko seine Berufung als ukrainischer Botschafter außerhalb der Ukraine sieht, möchten die Musiker des Symphonieorchesters nach der Tournee in die Ukraine zurückkehren. Lazarou: „Um das Land wieder aufzubauen.“

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