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Suppe, Seife, Seelenheil im Männerwohnheim der Wiesbadener Heilsarmee

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Von: Madeleine Reckmann

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„Jeder Tag ist anders“, sagt Heimleiter Hans-Jürgen Schürmann, hier in einem Schlafsaal für Durchreisende.
„Jeder Tag ist anders“, sagt Heimleiter Hans-Jürgen Schürmann, hier in einem Schlafsaal für Durchreisende. © Peter Jülich

Manche Menschen leben seit dreißig Jahren in der Einrichtung und möchten auch nicht ausziehen.

Der 57-Jährige hat es sich in dem Zimmer im obersten Stockwerk des Wiesbadener Männerwohnheims der Heilsarmee gemütlich gemacht. Auf seinem Nachttisch hat er Gebäck und Zucker, beides sauber in Plastikdosen verpackt, deponiert. Seinen Kaffee braut er in der eigenen Maschine. Auf dem Tisch steht Tannenschmuck. Seine Wäsche hat er ordentlich zum Trocknen aufgehängt.

Im Männerwohnheim gelandet zu sein, ist ihm peinlich. Deshalb möchte er seinen Namen nicht nennen. Früher habe er Arbeit, Wohnung und Auto gehabt, erzählt er wehmütig. Eine Erkrankung habe ihn verarmen und seine Wohnung verlieren lassen. Das Leben, so hört es sich an, habe es nicht gut mit ihm gemeint. Nach einem kurzen Leben auf der Straße habe er vor anderthalb Jahren den Platz im Männerwohnheim gefunden. „Es ist gut hier, nette Leute“, sagt er, ich freue mich, wenn ich hier bleiben kann.“

Das Zimmer teilt er sich mit einem anderen Mann, der regelmäßig arbeitet. „Wir verstehen uns gut“, sagt der Mann. Einsamkeit verspüre er nicht. Es gebe immer jemanden zum Reden. Drei Euro kostet eine Übernachtung. Mit dem Geld vom Sozialamt komme er gut aus. Ob die Geschichten, die die Männer von ihrem Leben erzählen, wahr sind oder nicht, interessiere hier keinen.

Das Männerwohnheim, das seit 1957 von der Heilsarmee in der Wiesbadener Schwarzenbergstraße betrieben wird, ist kein Resozialisierungsheim sondern ein reines Wohnheim, sagt Heimleiter Hans-Jürgen Schürmann, der seit über 40 Jahren im Heim beschäftigt und dort auch aufgewachsen ist, weil bereits seine Eltern das Haus führten. Es verfügt über 130 Betten für Dauergäste und 180 Betten für Durchreisende.

Es gibt zwar eine Sozialarbeiterin, die sich etwa um Rentenansprüche und um Kontakte zu Verwandten bemühe. „Die Leute sind hier ansonsten vollkommen frei“, sagt Schürmann. Die Durchreisenden müssen das große Haus morgens verlassen. Von den Dauergästen in den oberen Etagen verlangt Schürmann genug Eigenständigkeit, um ihr Leben selbst zu organisieren. Sie dürfen den Tag über bleiben.

„Die Heilsarmee verfährt nach dem Motto: „Suppe, Seife, Seelenheil, in dieser Reihenfolge“, erklärt Schürmann. Die Heilsarmee ist eine internationale Bewegung christlich-freikirchlicher Prägung. Schürmann ist bei ihr angestellt. „Wir schicken niemanden weg“, versichert er. Lieber würden Notbetten in den geräumigen und dunklen Fluren aufgestellt. Wenn es wieder Minusgrade hat, füllt sich das Haus. Das ist Teil der Wiesbadener Winterregelung, die für die Unterkunft der Wohnsitzlosen sorgt. Die Stadt kommt für die gesamten Kosten des Heims auf.

Für das Seelenheil hält Schürmanns Mutter, Majorin Margarete Schürmann, mit ihren 92 Jahren jeden zweiten Sonntag eine Andacht. Doch das Interesse daran sei gering, sagt der Sohn. Auf der elektrischen Orgel im Andachtsraum habe schon lange niemand mehr gespielt. Die Majorin im Ruhestand hat eine Dienstwohnung im Haus.

Frühstück, Mittagessen und Abendbrot wird für sehr kleines Geld im Erdgeschoss angeboten, ein Kaffee kostet 25 Cent, eine Scheibe Brot 10 Cent. Die meisten Männer aber verpflegen sich außerhalb. Manche leben 30 Jahre in dem Wohnheim.

Zum Beispiel Karl. Der frühere Möbelpacker wohnte schon im Heim, als er noch berufstätig war. Jetzt ist Karl, der ebenfalls seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, 83 Jahre alt. Sein Ein-Bett-Zimmer gleicht einer Elektrogeräteabteilung: Fernsehgerät, Hifi-Anlage, Kühlschrank, Wasserkocher - alles da. Zum Einkaufen und in die Kneipe zieht es ihn nach draußen. Ansonsten, sagt er, fühle er sich alleine in seinem Zimmer am wohlsten. „Viele alte Bewohner möchten lieber hier als im Altenheim leben“, berichtet Schürmann. Denn so frei wie hier seien sie dort nicht. Und so günstig könnten sie dort auch nicht leben.

Demnächst werden im Hinterhof zwei kleinere Neubauten eröffnet, die Baracken ersetzen, deren Bewohner übergangsweise in andere Unterkünfte im Stadtgebiet umquartiert wurden. Insgesamt zählt Schürmann 50 000 bis 55 000 Übernachtungen im Jahr. Ein Sicherheitsdienst und ein Pförtner halten das Haus Tag und Nacht geöffnet. Schürmann ist stolz darauf, dass er nur sehr vereinzelt Hausverbote aussprechen muss.

Die Dauerbewohner machen es sich in ihren Zimmern gemütlich.
Die Dauerbewohner machen es sich in ihren Zimmern gemütlich. © Peter Jülich
Das Männerheimwohnheim der Heilsarmee in Wiesbaden
Das Männerheimwohnheim der Heilsarmee in Wiesbaden © Peter Jülich

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