1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Wiesbaden

Auf der Suche nach Schuhen und Co.

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Ute Fiedler

Kommentare

Shila Kamal ist eine der Helferinnen in der Kleiderkammer.
Shila Kamal ist eine der Helferinnen in der Kleiderkammer. © Michael Schick

In der Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes herrscht derzeit Hochbetrieb. Spenden werden benötigt, unter anderen Bett- und Unterwäsche.

Die Kartons und Säcke stapeln sich. Kleidungsstücke, wohin das Auge blickt. Dinge, die die einen nicht mehr brauchen, die für die anderen jedoch überlebenswichtig sind. Und mitten drin wuseln einige Frauen und Männer mit ihren blauen Handschuhen umher, die voll bepackte Säcke und Tüten öffnen, Schuhe in einen Karton packen, Pullover in einen anderen und Unterwäsche am Ende des Ganges in braunen Boxen verstauen.

Die Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) an der Flachstraße gleicht einem Taubenschlag. Da kommt zum Beispiel Toni Bormann aus Breckenheim hereinspaziert. Mit einem fröhlichen „Hallo“ auf den Lippen bringt er an diesem Tag Kinderbücher vorbei. „Kleidungsstücke habe ich vergangene Woche hergebracht und gemerkt, dass auch Kinderbücher benötigt werden“, sagt er, bevor er von dannen zieht. „Ordner bringe ich dann nächste Woche.“

Da stapelt zum Beispiel Mehri Mazaheri Kleidungsstücke in den Regalen, während sich Kunden an ihr vorbei quetschen auf der Suche nach einem Pulli oder Schuhen. Seit 13 Monaten arbeitet Mazaheri in der Kleiderkammer. Sie kommt aus dem Iran und wurde als Ein-Euro-Jobberin an das DRK vermittelt. „Die meisten Mitarbeiter der Kleiderkammer sind Asylbewerber“, sagt Monika Maus-Rupnow, der die Mitarbeiter der Kleiderkammer unterstehen. Sie stellt das Team zusammen, achtet darauf, dass möglichst Menschen unterschiedlicher Nationalitäten zugegen sind. „Falls Dolmetscher gebraucht werden“, sagt sie.

Großer Zusammenhalt

Viele der Helfer kamen einst ebenfalls als Flüchtlinge nach Wiesbaden. Sie haben zum Teil Schreckliches erlebt und sind froh, dass ihnen die Arbeit in der Kleiderkammer einen Alltag bietet. Der Zusammenhalt sei groß, sagt Maus-Rupnow. Jeder helfe jedem, sagt sie und erzählt die Geschichte der 79-jährigen Luci, die täglich in der Kleiderkammer hilft. „Als ihr Mann einen Bypass erhalten sollte, war sie ganz aufgeregt und wusste nicht, welchen Pass sie in die Klinik mitnehmen sollte. Da habe ich das Medizinbuch geholt.“

Gemeinsam wird gelacht, Geburtstag gefeiert, aber auch geweint. „Vor einiger Zeit ist ein Mitarbeiter an den Folgen von Folter gestorben. Das war schlimm. Wir waren alle gemeinsam auf der Beerdigung, Religion war in diesem Augenblick völlig egal“, sagt Maus-Rupnow.

Auch Awya Zendo hilft an diesem Tag. Der Syrer mit freundlichen braunen Augen und einem Lächeln im Gesicht ist ein gefragter Mann. Immer mehr meist junge Männer kommen zu ihm, bestürmen ihn mit Fragen. Und der 63-Jährige antwortet geduldig, übersetzt, hört zu.

Als Automechaniker hatte er in Syrien gearbeitet, bis er vom Geheimdienst verfolgt wurde und fliehen musste. Seit 26 Jahren lebt er in Wiesbaden, seit vielen Jahren ist er in der Kleiderkammer beschäftigt. Zendo weiß, was es bedeutet, Flüchtling zu sein. Weiß, was es heißt, alles zurückzulassen, seine Heimat aufzugeben. Und er kennt die Angst vor dem Ungewissen. Das Bangen, ob man irgendwann irgendwo ankommt. Und ob man bleiben darf. Elf Jahre lang haben die Behörden über seinen Asylantrag beraten. Dann bekam Zendo eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Sein Pass läuft 2017 ab, dann soll er eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Das sei ihm zugesichert worden, sagt er. Seine vier Kinder haben zum Glück die deutsche Staatsangehörigkeit. „Sie sind Akademiker“, sagt er stolz.

Unmut ist hingegen von der anderen Seite des Raums zu hören. „No shoes“, fragt ein junger Mann. „No shoes“, sagt Joachim Werner, der an diesem Tag die Statistik über die Besucher führt. „You have to come earlier tomorrow“, versucht er der Gruppe zu erklären. Mehrfach. „Ich bin nicht immer so geduldig“, sagt Werner. „Wenn 30 Leute auf einmal im Raum sind, um sich Kleidung auszusuchen und die nächsten vor der Tür stehen, dann wird es auch mal hektisch.“ Auch Maus-Rupnow erzählt von Tagen, an dem die Tür zugehalten werden muss, damit die Menschen die Helfer nicht überrennen.

Drei Stunden lang hat die Kleiderkammer am Tag geöffnet, etwa 150 bis 200 Menschen kommen. Am liebsten wäre es Maus-Rupnow, wenn die Kammer montags bis donnerstags ganztags geöffnet hätte. Dann könnte man den Andrang entzerren. Den Vorschlag habe sie gerade ihrem Chef unterbreitet, sagt sie. Mehr als 1600 Kleidungsstücke werden in den drei Stunden ausgegeben. Abgewiesen wird niemand. „Das Angebot gilt für alle, die bedürftig sind“, sagt Maus-Rupnow. „Für Obdachlose wie für Flüchtlinge und Hartz-IV-Empfänger.“

Seit September kommen vor allem Flüchtlinge. Meist junge Männer, die laut Werner als Vorhut geschickt worden sind und jetzt ihre Verwandten nachholen. Sowohl Asylbewerber als auch Menschen, die noch nicht registriert und eigentlich nur auf der Durchreise sind. „Deswegen ist die Nachfrage nach Koffern und Reisetaschen so groß“, erklärt Werner. Doch gerade daran mangelt es, sodass es schon zu einigen Debatten gekommen sei. „Da wird so manch einer neidisch, wenn er sieht, dass der Nachbar aus der Gemeinschaftsunterkunft einen Koffer bekommen hat.“

Ohne ein Kleidungsstück verlässt ein Mann die Kammer. Er trägt einen Jogginganzug vom SC Kohlheck und hatte ebenfalls auf Schuhe gehofft. Er sei auf der Balkanroute nach Deutschland gekommen, übersetzt Zendo. Starke Rückenschmerzen plagen den Mann. „Nehmen Sie doch eine Jacke mit“, ruft Joachim Werner noch. Doch der Mann geht weiter. Er will morgen wiederkommen. Gemeinsam mit vielen anderen auch. Auf der Suche nach Schuhen, Koffern – und einem Stückchen Normalität.

Auch interessant

Kommentare