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Stressabbau und Integration

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Sven Gerich (rechts) versucht vergeblich, Vereinschef Seidel eine einzuschenken.
Sven Gerich (rechts) versucht vergeblich, Vereinschef Seidel eine einzuschenken. © Carlo Wespe

Oberbürgermeister Gerich besucht den Boxclub und streift selbst mal die Boxhandschuhe über. Das Training ist besonders für Jugendliche in allen Lebenslagen hilfreich.

Von Bardo Faust

Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) boxt sich so durch. Also nicht im politischen Sinne. Das ist hier jetzt kein Thema. Nein, ganz real. Mit Boxhandschuhen. In der Turnhalle. In Sichtweite des Rings schlägt er seinem Gegenüber auf die hochgereckten Hände. Immer wieder. Dazwischen kurze Trippelschritte. Dann wird gewechselt.

Es war nur eine kurze Sporteinheit, die der OB da am Dienstagabend in der Turnhalle Wolfram-Eschenbach-Straße absolvierte. Mit Krawatte, Hemd und Anzugshose war er auch gar nicht richtig ausgerüstet für einen echten Boxkampf. Aber der steht sowieso nicht im Vordergrund, wenn der 1. Wiesbadener Amateur-Box-Club (WABC) zweimal die Woche zum Fitness-Boxen lädt. „Wir haben die kämpferischen Aspekte völlig rausgenommen, es geht nur um die Fitness“, erklärte Trainer Memo Haji.

Sven Gerich weiß jetzt, was Haji damit meint: „Harry, fahr den Wagen vor“, ruft er scherzhaft seinem Mitarbeiter zu, während sein Mitboxer, der WABC-Vorsitzende Karl-Heinz Seidel, auf seine Hände einschlägt. Sein Besuch beim Boxclub ist eine schweißtreibende Angelegenheit.

„Ich besuche regelmäßig Wiesbadener Vereine“, erklärt der Oberbürgermeister. Ein Bild will er sich machen davon, was im Ehrenamt und in der Freizeit alles vor sich geht in seiner Stadt. Dabei begegnet ihm Überraschendes – wie hier beim Boxclub: „Mir war nicht bewusst, dass es Boxen als reines Fitnesstraining gibt“, sagt er nach der viertelstündigen Einheit – nachdem er kräftig durchgeatmet hat: „Das ist sehr anstrengend erst recht, wenn man nicht geübt ist.“

Alle Altersklassen

Die Halle ist voll, neben Gerich trainieren noch etwa 60 Box- und Fitnessfreunde. Und da sind keineswegs muskelbepackte Preisboxer am Werk. Die Fäuste schwingen alle Altersklassen. Frauen und Männer. Fitte Menschen und weniger fitte. Quer durch die Nationalitäten. „Wir wollen die breite Masse ansprechen“, erklärt der Trainer. Vom Geschäftsführer über den Teenager bis hin zum Beamten schwitzen die WABC’ler gemeinsam – „einen „Sonderstatus hat keiner, jeder muss sich an die Regeln halten“, fügt der Vorsitzende hinzu.

„Mein Mann ist SAP-Berater, der macht hier mit“, sagt zum Beispiel Silvia Michèle Bergmann, die für den WABC die Pressearbeit macht. Und die 26-jährige Thalina, Grafikdesignerin in einer Werbeagentur, sagt: „Das ist richtig gut, um Stress abzubauen.“ In ihrem Beruf sitze sie viel am Schreibtisch. Seit zwei Jahren ist sie dabei, zwei Mal die Woche: „Und sie hat in der Zeit eine richtig sportliche Figur bekommen“, bemerkt Vorsitzender Seidel. „Körperliche Bewegung, Ausdauer und Kraft sind gerade in der modernen Leistungsgesellschaft ein wichtiger Faktor.“

Thalina ist eine Frau der ersten Stunde: Seit 2013 gibt es das Fitnessboxen beim WABC. „Damals hat der Vorsitzende ein wenig über die zurückgehenden Mitgliederzahlen geklagt“, sagte Memo Haji. Im Rahmen seiner BWL-Bachelorarbeit habe er dann eine Umfrage unter den Mitgliedern gemacht. Ergebnis: Die Außendarstellung musste verbessert werden, die Homepage wurde erneuert, eine Facebookseite eingerichtet: „Das ermöglichte uns, andere Zielgruppen anzusprechen.“

220 Mitglieder

Und das Konzept ging auf. 220 Mitglieder hat der Club derzeit – davon ein großer Teil Fitnessboxer. Aber auch der Wettkampf ist wichtig für den WABC, der in diesem Jahr unter anderem Kämpfer bei der Südwestmeisterschaft in Villingen-Schwenningen sowie bei der Hessenmeisterschaft in Frankfurt stellte.

Die Fitnessstunde dient da so manchem auch als Einstieg. Rustan etwa, 24 Jahre, hat gerade erst angefangen mit der Sportart, macht seine ersten Schritte bei den Fitnessboxern: „Aber ich hoffe, dass ich auch mal Turniere boxen kann. Ich will berühmt werden wie die Klitschkos.“

Wichtiges Standbein des Clubs ist die Jugendarbeit: „Vor allem die Arbeit mit Kindern ist uns ein Anliegen. Schon in der Schule steigt der Leistungs- und Erwartungsdruck heute enorm an. Hinzu kommt, dass Kinder sich heute kaum noch körperlich austoben dürfen“, sagt Seidel. Die Themen Respekt und Höflichkeit spielen dabei auch eine Rolle. Wer beim WABC mitmachen will, der muss auch lernen, „Guten Tag“ zu sagen und Regeln zu befolgen: „Viele wissen gar nicht mehr, wie das geht“, sagt Memo Haji.

Seidel arbeitet derweil am Selbstbewusstsein seiner Freizeitboxer: „Nicht klein machen, groß bleiben!“, ruft er beim Training in die Runde. Das ist nicht nur ein Kommando für die Sportler, sondern auch ein gutes Lebensmotto, meint er. „Es gibt viele Lebenslagen, in denen wir uns klein fühlen. Beim Boxen lernen wir einerseits uns zu schützen, andererseits machen wir uns nicht grundsätzlich klein, sondern sehen der Herausforderung ins Auge und kommen aus der Deckung, wenn die Gelegenheit günstig ist.“

Wer das Fitnessboxen ausprobieren will, kann kostenfrei und ohne Voranmeldung am Training teilnehmen: dienstags von 19 Uhr und donnerstags von 19.30 Uhr an.

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