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Stress im Villenviertel

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Villa und Garage in der Thomaestraße.
Villa und Garage in der Thomaestraße. © FR/Schick

Schon wieder Ärger mit dem Wiesbadener Bauamt: Ein Villenbesitzer in der Thomaestraße soll seine Garage abreißen - trotz Baugenehmigungen. Von Gaby Buschlinger

Von Gaby Buschlinger

Das Baufiasko im Künstlerviertel hat die Besitzer der Villa in der Thomaestraße 1 nach jahrelanger Zurückhaltung bewogen, jetzt auch mit ihren Bauamts-Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Das Ehepaar Michael und Karin Schmidt (Name von der Redaktion geändert) vermutet, dass "Willkür" im Wiesbadener Bauamt Methode hat. Denn auch die Schmidts hatten Baugenehmigungen für zwei Garagen und einen Wohnanbau auf der Villen-Rückseite, doch als die Anbauten fast fertig waren, forderte das Bauamt deren Abriss. Seit vier Jahren wohnen die Schmidts mit ihren zwei Söhnen auf einer Baustelle. Die Familie hat keine Küche und muss im Waschkeller kochen.

Vor neun Jahren haben die Schmidts die sanierungsbedürftige neobarocke Villa am Geisberg gekauft. Der Professor für Marketing und BWL und seine Frau wollten schließlich rechts und links der Villa je eine Garage anbauen, und hinten, zum Garten hinaus, einen Wohnanbau für eine offene Küche. Da solche Anbauten nicht nur in dem Viertel üblich sind, wurden die Baugenehmigungen auch reibungslos erteilt.

Selbst der Denkmalschutz hatte nichts zu nörgeln. So weit, so gut. Regelmäßige Kontrollen ergaben keinerlei Beanstandungen, die Bauaufsicht hatte bei ihren Nachmessungen nichts moniert. "Keine angeblich vergrößerte Grundfläche und auch keine schrägen Dächer", erinnert sich Schmidt. Trotzdem erließ die Stadt im Dezember 2005 einen Baustopp und ein Nutzungsverbot. Angeblich wegen der schrägen Dächer. Erlaubt seien in dem Villengebiet nur unauffällige, flache.

Schmidts können sich diesen Sinneswandel im Bauamt nicht erklären. Die erteilten Nachgenehmigungen seien unauffindbar. Und bei ihren vielen Besuchen der Aktenkammer stellten sie fest, "dass Akten merkwürdigerweise verschwunden sind". Die Lokalpresse berichtete derweil ausführlich über die "Bausünder". Die Schmidts zahlten ein saftiges Bußgeld von 12500 Euro, obwohl sie sich schon wunderten, warum die Stadt ausgerechnet bei ihnen derart rigoros vorgeht. In der gesamten Stadt sowie in der Nachbarschaft wimmele es von ähnlichen Anbauten. Da aber der Bauaufsicht immer wieder vorgeworfen wurde, jahrelang zu lax gewesen zu sein und den Charakter der Villengebiete nicht geschützt zu haben, vermutet Schmidt, dass das Bauamt bei ihm ein "Exempel statuieren" und sich endlich mal als "hart durchgreifende Behörde" darstellen wolle.

Die Schmidts fügten sich und überarbeiteten ihre Bauanträge. Diesmal zusammen mit den Behörden, um auf Nummer sicher zu gehen. Jetzt fielen die Anbauten niedriger aus und die Pultdächer flacher. Doch dann traf sie der Schlag: Statt der erwarteten erneuten Baugenehmigung flatterten ihnen Abrissverfügungen ins Haus. Die frei stehende Garage und der rückwärtige Wohnanbau sollen plötzlich komplett weg - Total-Abriss.

"Ich verstand die Welt nicht mehr", sagt der 55-Jährige. Zumal wegen des Presseinteresses an dem "Bauskandal im Villenviertel" Stadtentwicklungsdezernent Joachim Pös (FDP) die zweite Baugenehmigung "höchstpersönlich zehn Tage lang geprüft hatte", so Schmidt.

Die Garage war zur Chefsache geworden. Stefan Frieser, stellvertretender Leiter der Bauaufsicht, räumt auf FR-Nachfrage ein, dass die zweite Baugenehmigung fehlerhaft gewesen sei. Das sei erst mit dem Widerspruch des Nachbarn klar geworden. "Und fehlerhafte Verwaltungsakte sind aufzuheben", zitiert Frieser die Vorschriften.

Die Garage der Schmidts müsse entweder kleiner werden oder drei Meter Abstand zum Nachbargrundstück einhalten. "Wir haben den Komplett-Abriss zwar verfügt", bestätigte Frieser, "aber wir haben darauf hingewiesen, dass auch ein Teilabriss reichen könnte". Dazu müssten die Schmidts nachweisen, dass auch die halbe Garage noch standsicher sei. Das gleiche gilt laut Frieser für den Wohnanbau: Dieser sei größer als genehmigt gebaut worden.

Michael Schmidt hat inzwischen die Faxen satt: "Wir hatten zwei Baugenehmigungen, und dann ist plötzlich alles zu groß und wir sollen abreißen", echauffiert er sich. Um nicht länger "Spielball des Bauamts" zu sein, zogen die Schmidts vor den Kadi. Doch das Wiesbadener Verwaltungsgericht gab im Juni der Stadt recht.

Die Schmidts geben aber nicht auf, sie klagen jetzt beim Verwaltungsgerichtshof in Kassel. Ihr Anwalt, der Verwaltungsrechtler Ulrich Janes, hält nämlich den gesamten Bebauungsplan für das Wohngebiet für unwirksam. Eben weil in der Nachbarschaft fast jede Villa ähnlich große Anbauten mit schrägen Dächern habe. Also gelte Paragraf 34 des Baugesetzbuches.

Und das bedeutet, dass eine Baumaßnahme genehmigt werden muss, wenn sie sich in die nähere Umgebung einfügt. Selbst bei prominenten, denkmalgeschützten Bauwerken wie dem Kurhaus oder dem Staatstheater sei die Stadt nicht zimperlich und habe "riesige Anbauten mit schrägen Dächern" gestattet, betont Schmidt.

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