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Streiten über Kunst und Physik

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Michael Becker, der Leiter der Wiesbadener Freien Kunstschule, will transdisziplinäre Brücken schlagen. Er hat dazu ein neues Buch geschrieben.

Von Marc Peschke

Michael Becker, seit 1998 Leiter der Wiesbadener Freien Kunstschule, hat ein neues Buch geschrieben. In „Ein Spaziergang durch Physik und Kunst“ stellt Becker Gemeinsamkeiten vor und beantwortet Fragen wie ,Was haben ein Atom und die Gesetze der Komposition gemein?‘

Herr Becker, heutzutage spricht man lieber über den Kunstmarkt als über Kunstphilosophie. Ihr neues Buch „Ein Spaziergang durch Physik und Kunst“ schürft aber ausgesprochen tief. Vor allem geht es um den Zusammenhang zwischen Kunst und Physik. Was ist denn daran so faszinierend?
Das sind, bei allen Unterschieden, die erstaunlichen strukturellen Parallelen zwischen beiden Disziplinen, die nicht nur für Künstler außerordentlich inspirierend sein dürften. Ich spreche zum Beispiel von der Komposition eines Atoms. Das ist ja eigentlich ein Begriff, den wir eher in der Musik oder in der bildenden Kunst gebrauchen. Aber wir lernen gerade von der Physik, dass sich ein Atom durch die Komposition ganz besonderer Eigenschaften auszeichnet, um als ein bestimmtes Element des Periodensystems gelten zu können. Jedes Element des Periodensystems weist ein ganz spezielles Farbprofil auf, das es unverwechselbar macht. So hat ein Sauerstoffatom ein anderes Farbspektrum als ein Helium-Atom. Ich spreche hier von dem geistigen Code des Farbspektrums, das ich auch in der Kunst vorfinde. Zeichnet sich nicht jeder Maler durch eine ganz charakteristische Farbkomposition aus, die sein Werk, sein Oeuvre unverwechselbar macht?

Kunst sollte wie Physik Alltagserfahrungen radikal in Frage stellen. Produktive Krisen sollten das Ziel der Kunst sein – schreiben Sie. Gibt es eine solche Kunst denn heute noch?
Ich kann mir eigentlich nur ein Urteil erlauben über Künstler und deren Werke, die ich bislang auch analysiert habe. Nach meinen Werkanalysen sieht es zum Beispiel bei Gerhard Richter, Neo Rauch oder Jonas Burgert eher düster aus, wenn es darum gehen soll, deren Werke überhaupt als Kunst zu bezeichnen. Allerdings sind das interessanterweise genau die Künstler, die sich weltweit momentan großer Anerkennung erfreuen.

An wen richtet sich das Buch? Was muss man von Kunst verstehen, um es zu begreifen?
Es sollten natürlich Menschen sein, die sich nicht scheuen, einen neuen, vor allem transdisziplinären Denkansatz an sich herankommen zu lassen. Im Grunde ist das Buch an alle gerichtet, die offen für Neues sind. Außerdem ist es in relativ einfacher Sprache gehalten, denn es unterhalten sich ein Wissenschaftler und ein Künstler, während sie durch einen Wald spazieren. Dieses inszenierte Streitgespräch lädt dazu ein, den Argumenten beider zu folgen und sich ein eigenes Bild zu machen.

Nicht so sehr ist es Faktenwissen, das Sie vermitteln wollen. Um was geht es Ihnen vor allem in dem Buch? Oder anders: Welche Leser wünschen Sie sich?
Ich wünsche mir Leser, die bereit sind, in die Tiefen und Untiefen von Kunst und Physik gleichermaßen einzutauchen, um mit vielen neuen, aufschlussreichen Erkenntnissen versorgt zu werden, die bei einer isolierten Betrachtung nur eines der Disziplinen nicht aufgekommen wären.

Interview: Marc Peschke

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