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Andreas Kowol von den Grünen ist Stadtrat in Wiesbaden und Dezernent für Umwelt und Verkehr.

Wiesbaden

Stadtrat: „Das 365-Euro-Ticket für Wiesbadener kommt“

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Der Wiesbadener Stadtrat Andreas Kowol spricht im Interview über sein Mobilitätsleitbild, die Citybahn und den Träumen von Flugtaxis.

Das Mobilitätsleitbild und die Fachgutachten für ein modernes Verkehrssystem für die Landeshauptstadt liegen vor. Sie halten die Citybahn als das beste Verkehrsmittel mit Rückgratfunktion. Futuristischen Verkehrsmitteln wird eine Absage erteilt.

Herr Kowol, ist der Traum vom Flugtaxi nun ausgeträumt?

Den träumen wir weiter, aber zu anderen Anlässen. Für die Herausforderungen, die wir zu bewältigen haben, sind Flugtaxis nicht geeignet. Wir brauchen leistungsfähige Verkehrsmittel mit hohen Fahrgastkapazitäten und geringem Raumbedarf. Die dritte Dimension zu nutzen, wäre zwar hochspannend, es lassen sich aber nicht viele Fahrgäste befördern. In eine Citybahn passen dagegen 440 Menschen, in einen Doppelgelenkbus rund 200.

Das Szenario, das die Fachleute wegen der höchsten Verkehrsleistung favorisieren, sieht ein Straßenbahnnetz mit mehreren Linien vor.

Bislang ist nur eine Linie in der Diskussion, von Mainz über Biebrich bis zur Hochschule Rhein-Main nach Bad Schwalbach. Wenn künftig festgestellt wird, dass auch in anderen Stadtteilen das Bussystem an seine Leistungsgrenzen kommt, sind weitere Linien und Abzweigungen denkbar. Wir prüfen im Zusammenhang mit der Entwicklung des Ostfelds, auch in Verbindung mit einer möglichen Ansiedlung des Bundeskriminalamts, eine Linie dorthin, und zwar über den Quartiersboulevard Konradiner-allee. Für die Streckenführung von der Hochschule zur Aartalbahn an der Stadtgrenze gibt es zwei Varianten, über Dotzheim und über Klarenthal. Sollte man sich für die Option Dotzheim entscheiden, wäre ein zusätzlicher Ast in Richtung Horst-Schmidt-Kliniken und Schelmengraben möglich.

Das soll den Anteil der ÖPNV-Nutzer von 17 auf 21,5 Prozent steigern. Lohnt der Aufwand?

Ja, das ist zwingend notwendig, um den Autoverkehr zu verringern. Die Stauzeiten nehmen weiter zu, auf dem ersten Ring stockt der Verkehr morgens und nachmittags viele Stunden. Wir möchten den Autoverkehrsanteil mit dem Leitbild von 49 auf 44 oder 39 Prozent reduzieren und nicht, wie mir oft vorgeworfen wird, unterbinden. Außerdem werden wir gleichzeitig den Rad- und den Fußverkehr stärken.

Das Mobilitätsleitbild kommt wie ein Wünsch-dir-was von Utopisten daher: stadtweit Tempo 30, Reduzierung des Autoverkehrs, Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer, der ÖPNV soll günstiger werden.

Hut ab vor den Teilnehmern des Leitbildprozesses, so mutige Dinge zu verlangen, die auch über die Forderungen der städtischen Verkehrskonzepte hinausgehen. Das hat mich wirklich überrascht, auch dass etwa eine großflächige Temporeduzierung auf 30 Kilometer pro Stunde oder die stärkere Ausdehnung der Fußgängerbereiche nicht auf Widerspruch zum Beispiel der Industrie- und Handelskammer gestoßen sind. Dennoch sind wir an vielen Vorschlägen gedanklich oder mit konkreten Beschlüssen dran. Wir versuchen jetzt, Tempo 30 in vielen Straßen umzusetzen. Am kostengünstigeren ÖPNV sind wir auch dran: Das 365-Euro-Ticket für Wiesbadener ist beschlossen und soll 2021 kommen.

Zur Person

Andreas Kowol,  57, ist seit 2017 Dezernent für Umwelt, Grünflächen und Verkehr in der Landeshauptstadt. Sein größter Erfolg war, im Februar 2019 das Dieselfahrverbot für Wiesbaden zu verhindern.

Der Betriebswirt  und Naturwissenschaftler war zuvor Stadtrat in Hanau.

Der Grünenpolitiker  ist vehementer Verfechter einer Schienenbahn für Wiesbaden.

Wegen des Corona-Lockdowns gerät der Citybahn-Zeitplan in Verzug. Die Stadtverordneten können das Mobilitätsleitbild und das Bürgerbegehren über den Bau der Citybahn wohl erst im Mai beschließen. Der Bürgerentscheid kann frühestens im November stattfinden. Das schiebt die Genehmigungsverfahren nach hinten. Den Bürgern wurde zugesagt, mit dem Planfeststellungsverfahren erst nach dem Entscheid zu beginnen.

An dem Versprechen halten wir fest. Die Unterlagen für das Planfeststellungsverfahren sind zwar schon fertig, aber sie bleiben zunächst liegen. Zurzeit kann natürlich auch nicht die versprochene öffentliche Präsentation der Planungen im April stattfinden. Wir wollen sie nun online zugänglich machen. Die öffentliche Veranstaltung hierzu muss auf den Sommer verschoben werden.

Wann fährt die Citybahn?

Sollten die Bürger im November 2020 abstimmen können, würden wir 2021 die Unterlagen einreichen, dann könnte 2024 mit dem Bau begonnen werden. Auf dem ersten Teilstück von Mainz bis Biebrich könnte 2025 eine Bahn fahren. Die Gesamtstrecke ginge zwei Jahre später in Betrieb.

Der Biebricher Ortsbeirat möchte einen anderen Streckenverlauf als die Planer.

Die Planfeststellungsunterlagen sehen eine Strecke über die Stettiner Straße und die Straße der Republik vor, in Biebrich wird eine Strecke über die Rathausstraße diskutiert. Wir werden zu den Wünschen in Biebrich erneut mit dem Ortsbeirat das Gespräch aufnehmen.

Was passiert, wenn die Bürger im Vertreterbegehren gegen den Bau der Citybahn stimmen?

Dann muss es eine Alternative geben, denn im Leitbildprozess wurde festgestellt, dass ein neues Verkehrssystem zwingend notwendig ist. Das Bussystem ist an den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit angekommen.

Die Fachgutachten stellen ein Bus Rapid Transit, ein elektrisch betriebenes Schnellbussystem auf eigenem Fahrweg, als die nächstbeste Möglichkeit vor.

Hier ist allerdings zu bedenken, dass der durchgängige Fahrweg für ein BRT mehr Raum einnimmt als ein Schienensystem, die Fahrzeuge sind größer und breiter. Eine Straßenbahn benötigt sechs Meter Breite, ein BRT sieben bis acht. Für die Friedrichstraße oder Luisenstraße kann ich mir dies nur schlecht vorstellen.

Interview: Madeleine Reckmann

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