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Stadt ohne Studenten

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Von: Arne Löffel

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Der Asta-Kulturreferent bemängelt die mangelnde Willkommenskultur in Wiesbaden. Obwohl rund 7000 Studierende an der hiesigen Hochschule unterrichtet werden, ist Wiesbaden sozial wie kulturell Lichtjahre von einer Studentenstadt entfernt.

Wiesbaden und seine Studenten – das ist seit Jahren eine unerwiderte Liebe. Obwohl rund 7000 Studierende an der hiesigen Hochschule unterrichtet werden, ist Wiesbaden sozial wie kulturell Lichtjahre von einer Studentenstadt entfernt. Und das, obwohl Wiesbaden mit dem Prädikat „Hochschulstandort“ Marketing betreibt.

Martin Ptanski (31), ist kulturpolitischer Sprecher des Asta in Wiesbaden. Der Informatikstudent sieht den Hauptgrund dafür, dass sich in Wiesbaden beim „Look & Feel“ kein studentisches Leben entwickelt, in der geringen Relevanz der Studenten für die Stadt. „Gemessen an den Einwohnern machen die Studierenden 3,3 Prozent der Bevölkerung aus. In Mainz sind es mehr als zehn Prozent, in Gießen sogar an die 40 Prozent“, berichtet Ptanski.

Dementsprechend wenig scheren sich seiner Auffassung nach die Wiesbadener Gastronomen und Kulturbetriebe um die Studierenden. „Es gibt – anders als in den eben genannten Städten – keine Willkommenskultur“, sagt er. Natürlich sei da die von der Stadt organisierte und seiner Ansicht nach kostspielige Veranstaltungswoche „Studentenfutter“ zu Semesterbeginn, aber außerhalb dieses Aktionszeitraums seien die Studierenden uninteressant. „Es gibt in den Kneipen keine Studentenrabatte, keine Studentenmenüs in den Restaurants und auch keine auf die Bedürfnisse der Studierenden zugeschnittene Gastronomie“, bemängelt Ptanski.

Unbezahlbar und in desaströsem Zustand

Folge sei, dass die meisten Studenten sich Wiesbaden nur ausgesucht haben, weil hier ein bestimmtes Studienfach angeboten wird. „Ich kenne niemanden, der nach Wiesbaden der Stadt wegen gekommen ist“, sagt er.

Zu dem Unbill der hochpreisigen Gastronomie kommt laut Ptanski noch das Wohnraum-Problem. Nahezu unbezahlbar und in desaströsem Zustand seien die Wohnungen. „Unserer Kenntnis nach wohnt nur die Hälfte der Studierenden überhaupt in Wiesbaden. Der Rest lebt noch zu Hause bei den Eltern – oder sucht sich in Mainz oder Frankfurt eine Wohnung.“ Der Wohnraum sei in den Nachbarstädten zwar genauso teuer, dafür könnten die Studierenden auf eine lebendige Kultur zurückgreifen. Und, so Ptanski, es sei sogar in Frankfurt leichter, eine passable Bleibe zu finden.

Ein weiteres Hindernis sei die unzureichende Erschließung der Stadt durch den öffentlichen Personennahverkehr. „Das ist auch der Grund, warum Studierende nicht in die Vororte ziehen möchten. Da ist der Wohnraum zwar günstiger als in der Innenstadt, aber ohne Auto ist man da abends aufgeschmissen.“

Schwaches Gay-Angebot

Er selbst wohne noch in Limburg bei seinen Eltern. Dort verbringe er auch einen Gutteil seiner Freizeit. „Die meisten Dinge, die ich für die Freizeitgestaltung brauche, die finde ich auch in Limburg.“ Die Strahlkraft Wiesbadens sei nicht so stark, als dass er sich abends auf den Weg mache.

„Es ist ja nicht so, dass es in Wiesbaden gar nichts gibt. Das Angebot vom Schlachthof oder der Kreativfabrik ist sehr gut und auch auf den studentischen Geschmack abgestimmt. Aber das Gay-Angebot ist zum Beispiel sehr schwach“, sagt er.

Dass Einrichtungen wie das Landesmuseum oder das Staatstheater bei den Studierenden nicht besonders hoch im Kurs stehen, sei den hiesigen Fachbereichen geschuldet. „Wir haben hier einfach keine Geisteswissenschaftler. Für Naturwissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftler hat Kultur meistens was mit Party zu tun“, so Ptanski. Und Party, so Ptanski, sei nicht gerade das Fachgebiet von Wiesbaden.

„Hier ist alles doch noch zu etepetete. Veranstalter haben mit Lärmbeschwerden und Auflagen zu kämpfen. Aber eine Studentenstadt ist nun mal nicht leise.“ Unter dem Strich wünsche er sich in seiner Funktion als Kulturreferent, dass „Wiesbaden weniger krampfhaft versucht, Universitätsstadt zu werden, sondern lieber Studentenstadt sein sollte“.

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