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Spielerischer Japaner

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Taro Izumi folgt als Stipendiat dem Fluxus.
Taro Izumi folgt als Stipendiat dem Fluxus. © Michael Schick

Taro Izumi aus Tokio ist der diesjährige Fluxus-Stipendiat des Nassauischen Kunstvereins und der Landeshauptstadt Wiesbaden. Drei Monate wird Izumi nun zur Arbeit in Wiesbaden weilen.

Von Martin Armbruster

Etwas verloren steht Taro Izumi in den Räumen des Nassauischen Kunstvereins (NKV) in der Wilhelmstraße und wartet auf den Pressetermin. Er wirkt schüchtern, was nicht weiter wundert, schließlich ist der Japaner erst seit ein paar Tagen in Wiesbaden. Eine fremde Welt für den 38-Jährigen aus Tokio, der kaum Englisch spricht und sich daher noch ein wenig fremd am Platz fühlt. Gut, dass Ayako Daniel da ist.

Die 44-jährige Japanerin ist Opernsängerin am Wiesbadener Staatstheater und hilft dem Gast aus Fernost, sich zu verständigen und seine Gedanken mit den Gastgebern vom Nassauischen Kunstverein zu teilen, die alle neugierig sind, was der Künstler zu sagen hat.

Izumi hat in diesem Jahr das mit 10 000 Euro dotierte „Follow Fluxus-Stipendium“ erhalten, das der Kunstverein und die Stadt Wiesbaden zum siebten Mal an einen Künstler vergeben haben, der sich an der Kunstform „Fluxus“ orientiert. Drei Monate wird Izumi zur Arbeit in Wiesbaden weilen. Am Ende soll es eine Vernissage geben, die sein Wirken in der Kurstadt widerspiegelt.

In aller Ruhe arbeiten

„Wir wollen internationalen Fluxus-Künstlern die Chance geben, bei uns im beschaulichen Wiesbaden in aller Ruhe arbeiten zu können“, sagt Elke Gruhn, künstlerische Leiterin des NKV. Fluxus, das ist eine Kunstrichtung, von der der US-Amerikaner und Wahl-Wiesbadener Ben Patterson, der zu den Gründervätern des Stils gehört, einmal gesagt hat, dass sie im Prinzip undefinierbar sei. Entscheidend geprägt wurde die Bewegung durch ein Festival in Wiesbaden im Jahr 1962. „Wir sind hier also eine perfekte Inspirationsquelle für die Stipendiaten“, sagt Gruhn. Auch sie kann allerdings nicht so richtig erklären, was Fluxus nun genau ist. „Eine Kunst, die einen Bezug zum Leben hat, die den Alltag integriert“, versucht sie sich an einer Definition. „Und auch dem Spielerischen kommt eine große Bedeutung zu.“

Deshalb, so Gruhn, sei das Stipendium in diesem Jahr auch an Izumi gegangen. Spielerisch seien seine Werke angelegt, spontan, kreativ, offen und unvorhersehbar. „Er steht für das Konzept des homo ludens, des spielerischen Menschen“, erklärt sie. Der Künstler selbst stimmt leise zu und zeigt eine Filmaufnahme, die ein großes Brettspiel zeigt, das er entworfen hat. Bislang gibt es eine japanische und eine englische Version. Als Ayako Daniel sich mit dem Urheber an eine Übersetzung des Titels macht, weicht die anfängliche Schüchternheit Izumis. „Rettungsringe durch den Magendarm in den Stinktiertunnel“, steht nach viel Übersetzungskunst am Ende zu Buche. Ein Titel, der durchaus passt, ist Fluxus doch das lateinische Wort für Durchfall. Die deutsche Version des Spiels kann also kommen.

Performative Kunst

Izumi selbst ist dabei die Spielfigur, ein überdimensionaler Würfel weist ihm den Weg. Auf den einzelnen Feldern stehen Begriffe wie „Schreien“, „Wasser“ oder „Schlamm“, die dem Spieler gleichsam Befehl sind. Der Künstler schreit je nach Feld, übergießt sich mit Wasser oder schmiert sich mit Schlamm ein. „Performative Kunst“, nennt sich das. Inspiriert hat Izumi dabei der Zusammenhang zwischen Freiheit und Regeln. „Das Spiel steht für das Freie“, erklärt er, „Regeln dagegen für etwas Eingrenzendes, Unfreies“. Dennoch seien es Regeln, die die Freiheit letztlich sicherten, interpretiert der Japaner.

Neben seinen Spielen hat es vor allem die Videokunst Izumi angetan. Als Kind habe er immer gemalt, erzählt er. An der Kunst-Uni in Tokio sei ihm die Malerei dann allerdings zu wenig gewesen. So kam er zur bewegten Kunst und begann Videos zu kreieren. Bewegungen einfangen und festhalten – das ist sein Motiv. Zudem interessieren ihn funktionale Gegenstände. „Ein Stuhl ist Funktionalität, er hat einen Zweck“, erklärt Izumi. Derartig Praktisches hätten die Menschen über alle Epochen ihres Daseins hinweg entworfen, sagt er. Auch seine Kunst orientiere sich an funktionalen Elementen. Izumi hat etwa seinen ganz eigenen Stuhl entwickelt.

Vielseitigen Ideen

Die zwei Personen, die darauf „Platz nehmen“, bilden durch ihre Sitzposition einen Zweikampf aus einem Fußballspiel ab. Die Dynamik wird durch die spezielle Konstruktion eingefangen. „Auch mein Stuhl hat also einen Zweck“, sagt Izumi über seinen Bewegungsfesthalter aus Holz.

Seine vielseitigen Ideen kann der Gast aus dem Land der aufgehenden Sonne in den vor ihm liegenden drei Monaten nun ganz in Ruhe verwirklichen. „Ich freue mich hier zu sein“, sagt der Mann aus der Millionenmetropole Tokio, „zu Hause habe ich ständig eine Ausstellung und bin im Stress.“ Wiesbaden und seine Architektur gefalle ihm sehr, berichtet Izumi von seinen ersten Spaziergängen rund um die Wilhelmstraße. „Ich hoffe, ich kann die Einflüsse, die hier auf mich einwirken, bald nutzen und in meine Werke einbauen.“ Zeit dazu hat er ja jetzt.

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