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Spielen wie die Römerkinder

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Justus Willberg zeigt die Funktionsweise römischer Militärblasinstrumente, hier ein Nachbau einer Tuba und ein Cornu.
Justus Willberg zeigt die Funktionsweise römischer Militärblasinstrumente, hier ein Nachbau einer Tuba und ein Cornu. © Michael Schick

Der erste „Römertag“ findet trotz Regen auf dem Marktplatz und im Stadtmuseum statt. Dabei tauchen alle Besucher und Besucherinnen tief ein in die Vergangenheit.

Der freundliche Oberlehrer mit Bart und Brille in der Schola Romana räumt auf mit Lücken im Verständnis von Buchstaben und Zahlen in römischer Schreibweise. Das klingt erstmal kompliziert, ist aber eigentlich „voll einfach“, wie Julius anmerkt, der gerade den Sprung ins Gymnasium geschafft hat. Zumindest, wenn man verstanden hat, wie die jungen und alten Römer mit den Fingern zählten und daraus Strichverbindungen entstanden sind. Jetzt weiß auch der Opa von Julius „endlich, wo das X für die 10 herkommt“. So lernt man in der Schola Romana, unterm Zeltdach im Regen, auf schlichter Schulbank. Das ebenfalls wissbegierige Fußvolk steht dahinter mit aufgespanntem Schirm im Regen.

Es regnet viel an diesem „Römertag“ auf dem Dern’schen Gelände. Stört aber kaum einen, schon gar nicht die Kinder, die praxisnahe Schule ja gerne mögen. In eine improvisierte Tunika gekleidet kommt Alina (11) mit neuer Frisur aus dem Zelt. Stilrichtung „Melonenfrisur“ verkündet sie und sorgt damit für Gesprächsstoff. Die Mutter sieht „gar keine Melone“, der Vater „eventuell eine Netzmelone“. Ist auch egal, neben der Frisierstube lautet die Devise „Ludamus“, wie der Lateiner sagt: „Lasst uns spielen“. Und zwar so, wie die Kinder schon vor 2000 Jahren im alten Rom gespielt haben. Das flotte Würfelrennen „Curriculum alea“ etwa, auch das immer noch klassische Mühle haben römische Kinder (und Erwachsene) schon gespielt, nur eben auf rundem Spielfeld, weshalb es auch „Mola rotunda“ hieß.

Badekultur begründet

Hier kommt die Diltheyschule ins Spiel, ein alt- und neusprachliches Gymnasium, das noch alte humanistische Ideale pflegt. Und beim „Römertag“ als Partner des Stadtmuseums am Markt und mit Spielsalon auftritt. Im Kellergewölbe unter dem Markt, der Heimat des Museums, läuft ja schon seit knapp zwei Wochen mit vielen anderen Partnern die Sonderausstellung „Wasser Macht Identität“ im Rahmen des aktuellen „Wiesbadener Jahr des Wassers“. Da spielen die Römer natürlich eine wichtige Rolle, sie begründeten schließlich die Badekultur in der Stadt. Drei Thermenanlagen sorgten einst für Linderung körperlicher und seelischer Leiden, ihr Ruf hallte bis nach Rom.

Infos

Die Ausstellung „Wasser Macht Identität“ ist noch bis 29. Januar geöffnet, immer dienstags bis sonntags. Es gibt zudem viele Begleitangebote für Schulen, Vorträge und Konzerte. Infos unter stadtmuseum-wiesbaden.de.

Als Wiesbaden sich dann im 19. Jahrhundert erneut aufmachte, „Weltkurstadt“ zu werden, besann es sich auf seine römische Tradition. Die Sonderausstellung zeichnet den Weg nach und rückt die Klammer von den antiken Römern bis zu den nachgespielten zeitgenössischen Römern und ihrer späten Wirkung ins rechte Licht. Oben und unten am Markt gehören zusammen bei der Erinnerung an die Römer. Das Museum profitiert vom Regen, „so voll ist es sonst auch nicht bei freiem Eintritt“, räumt eine Dame vom Museumsteam ein.

Praxisnahe spannende Schule auch hier, ob beim Selfie mit dem römischen Legionär aus dem ersten Jahrhundert der Neuzeit mit seinem kompletten zehn Kilo schweren Obenrum-Harnisch aus blank geputztem Metall oder mit Justus Willberg. Der kann beim Spielen auf der Tibia, dem römischen Nationalinstrument mit den zwei Melodierohren, gleichzeitig die linke und rechte Gehirnhälfte trainieren, auch auf der Kithara und der Wasserorgel sehr schöne Klänge erzeugen und nebenbei schöne Geschichten dazu erzählen.

Der „Römertag“ ist mehr ein Lehr- und Erlebnistag als ein reiner Verkaufsmarkt, das ist die Idee. Einkaufen geht auch, etwa bei Meister Knieriem, der Badeschuhe für Thermen nach römischer Sitte mit dicker Holzsohle und Lederriemen herstellt. Oder am Zelt von Markus Gruner, der die römische Münzprägung vorführt und danach starke Jungs und Mädchen selbst an den Hammer lässt. Aus dem Reinzinn-Rohling wird dann mit zwei kräftigen Schlägen eine ziemlich echt aussehende römische Münze im Wert von zwei Euro, zahlbar in aktueller Währung.

Die Ausstellung „Wasser Macht Identität“ ist noch bis 29. Januar geöffnet, immer dienstags bis sonntags. Es gibt zudem viele Begleitangebote für Schulen, Vorträge und Konzerte. Infos unter stadtmuseum-wiesbaden.de.

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