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Spaziergang statt Schlaf-App

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Von: Mirjam Ulrich

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Patientenforum „Schlafmedizin hautnah“ klärt auf und gibt Ratschläge.

Millionen Menschen liegen hierzulande nachts unfreiwillig wach im Bett. Jeder dritte Erwachsene schläft repräsentativen Umfragen zufolge nur mittelmäßig, schlecht oder sogar sehr schlecht. „Man kann Schlaf nicht erzwingen“, sagt der Psychologe Markus Specht. Er leitet das Zentrum für interdisziplinäre Schlafmedizin in Wiesbaden und gehört dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) an. Anlässlich ihrer Jahrestagung in der hessischen Landeshauptstadt bietet die DGSM das Patientenforum „Schlafmedizin hautnah“ an. Markus Specht und drei weitere Expert:innen beantworten Fragen von Betroffenen.

Viele Menschen mit Ein- und Durchschlafschwierigkeiten greifen zu Schlafmitteln. Das sei aber nur eine kurzfristige Lösung und solle aufgrund des Suchtpotenzials nach ein, zwei Wochen wieder abgesetzt werden, sagt Specht. Um gut zu schlafen, müsse man abends gut entspannen und müde genug sein, erläutert Neurologin Anna Heidbreder von der Medizinischen Universität Innsbruck. „Zum Einschlafen braucht man einen gewissen Schlafdruck.“ Ein langer Mittagsschlaf nehme den aber.

Mehrere Faktoren

Ohnehin fehlt es oft an ausreichender „Schlafhygiene“, dazu zählen etwa die Umgebung, die Beleuchtung und Aktivitäten am Abend oder Schlafkiller wie Alkohol, Koffein und Nikotin. Der Psychologe Werner Cassel vom Schlafmedizinischen Zentrum der Uni Marburg „verordnet“ vielen seiner Patient:innen einen Morgenspaziergang. „Guter Schlaf fängt nach dem Aufstehen an“, sagt er und nennt Tageslicht „den größten Motor für die Schlafbereitschaft“.

Eine Zuhörerin erkundigt sich nach Schlafproblemen in den Wechseljahren. Nicht nur die hormonellen Veränderungen beeinträchtigten den Schlaf, erläutert Cassel. Bei Frauen sinke schon vorher der nächtliche Melatoninspiegel. Eine ärztlich kontrollierte Melatoninsubstitution sei oft erfolgreich. „Bei Schlafproblemen muss man interdisziplinär arbeiten, denn es gibt meist mehrere Faktoren.“ Gegen nächtliche Grübelei könne ein Tagebuch helfen, in dem man das, was einen beschäftige, notiere, um es innerlich loszulassen.

Aus dem Publikum kommen viele Fragen zur Schlafapnoe, bei der im Schlaf der Atem aussetzt. Nachts eine spezielle Atemmaske zu tragen, hilft vielen Betroffenen. Wer diese Maske nicht verträgt, für den kann eine spezielle Zahnschiene eine Alternative darstellen. Wie die funktioniert, erläutert Claus Klingeberg, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft zahnärztliche Schlafmedizin (DGZSM). „Die Schiene sollte unbedingt von einem zertifizierten Zahnarzt mit schlafmedizinischer Ausbildung angepasst und später regelmäßig kontrolliert werden, auch im Schlaflabor.“ Bei Schlafapnoe empfehlen die Expert:innen neben Gewichtsreduktion, Singen oder Sprechtraining, an einer Selbsthilfegruppe teilzunehmen.

Apps und Armbänder, um den Schlaf zu überwachen und auszuwerten, eignen sich Markus Specht zufolge nur dazu, den Zeitpunkt des Einschlafens und Aufwachens zu protokollieren. „Sie messen nicht die Schlafqualität und -tiefe“, stellt der Schlafexperte klar. „Vertrauen Sie lieber Ihrem Körper und Ihrer subjektiven Wahrnehmung.“ Wer jedoch länger als vier Wochen lang dreimal oder häufiger pro Woche Schlafprobleme habe und dadurch tagsüber in der Leistungsfähigkeit oder Stimmung beeinträchtigt sei, sollte sich schlafmedizinische Hilfe suchen.

Weitere Informationen für Betroffene gibt es online unter: www.dgsm.de

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