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Gegen die Einsamkeit: Kontakt halten mit Besuchen vor der Tür. Foto: Kinder- und Beratungszentrum Sauerland (2)
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Gegen die Einsamkeit: Kontakt halten mit Besuchen vor der Tür.

Wiesbaden

Spaziergang auf Youtube : Wiesbadener Einrichtung entwickelt neue Formate für die Sozialarbeit

  • Madeleine Reckmann
    VonMadeleine Reckmann
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Kontakt mit einzelnen Personen und über soziale Medien.

Wer genau hinschaut, wird am Fastnachtsfreitag kleine bunte Bälle im Wiesbadener Stadtteil Sauerland entdecken – hinter Bäumen, unter Parkbänken und sonst wo. Konfettisammelaktion nennt Lukas Heun vom Jugendzentrum Trafohaus das. Wer viele dieser Bälle sammelt und zum Trafohaus bringt, erhält ein kleines Geschenk. Das Kinder- und Beratungszentrum Sauerland (KBS), zu dem das Jugendzentrum gehört, bietet für jeden Tag ein pandemiekonformes Faschingsevent an. Zur Altweiberfastnacht ist eine Party auf Zoom angekündigt, am Rosenmontag Karaoke.

„Es ist wichtig, dass unsere Jugendlichen im Lockdown mehr sehen als nur ihre Familie“, sagt Lukas Heun vom Jugendzentrum Trafohaus, das zur KBS gehört. Immer wieder spüre er, wie geladen die Jugendlichen seien. Deshalb denken sich die Sozialpädagog:innen eine Menge Aktionen zum Mitmachen aus. Eine Fotorally im Stadtteil, wo zehn Orte identifiziert werden müssen, oder einen Ausflug bei Bienen und Hühnern über Zoom, auf dem es viel zu lernen gibt. Im Sommer konnten die Jugendlichen einen Kollegen auf einem Spaziergang mit seinem Hund über einen Youtube-Live-Channel begleiten. Sie konnten dann Anweisungen geben: „Wirf das Stöckchen mal links rüber“, erzählt Heun.

Kürzlich zeichnete das Land Hessen das KBS als eine von vier Wiesbadener Organisationen für seine kreativen und beherzten Ideen aus, mit denen es sich für das soziale Miteinander auch unter Corona-Bedingungen einsetze. „In der Pandemie wird deutlich, wie unverzichtbar Gemeinweseneinrichtungen sind“, erläutert die Leiterin Christine Gilberg. Die sozialen Schieflagen würden erkennbarer hervortreten. Die KBS-Mitarbeiter:innen sorgten dafür, dass die strukturell Benachteiligten Unterstützung erhielten, sich für ihre Belange einzusetzen. „Gemeinwesenarbeit ist systemrelevant“, sagt sie, „wichtig für eine stabile Demokratie.“ Träger des KBS ist die evangelische Erlösergemeinde. 1970 wurde dort mit der Arbeit mit Obdachlosen begonnen. Heute hat das Zentrum neben dem Jugendzentrum und der 50-Plus-Arbeit eine Kindertagesstätte und ein Kinder-Eltern-Zentrum, eine Schuldnerberatung und ein Beschäftigungsprogramm für Langzeitarbeitslose. Mit 50 Mitarbeiter:innen ist dies die größte von einer Kirchengemeinde getragene Einrichtung der evangelischen Kirche in Deutschland. „Alle Angebote werden unter Corona fortgeführt“, betont Gilberg, „außer Jungenfußball.“

Obwohl der direkte Kontakt mit den Klienten nur begrenzt möglich ist, ist das KBS-Personal nicht in Kurzarbeit. Die Mitarbeiter:innen arbeiten mehr als vor der Pandemie. Denn die Gespräche müssen mit einzelnen Personen geführt werden. Die Sozialarbeiter:innen rufen ihre Klienten aus der 50-Plus-Gruppe regelmäßig an oder gehen mit einzelnen spazieren. Die Kinder in der Hausaufgabenhilfe werden einzeln digital betreut. Sie erhalten Hilfe beim Homeschooling. Anfangs wurde ihnen erklärt, wie die Lernprogramme funktionieren, jetzt wird gemeinsam Mathe gepaukt. Die Sozialarbeiter:innen entwickeln immer wieder neue Konzepte. Petra Ebeling, die für das Programm „50 Plus“ verantwortlich ist, organisiert als Ersatz für die Kochgruppe Lebensmittelpakete mit Rezepten zum Nachkochen. Die Fotos der Gerichte werden auf die Homepage gestellt.

Anstatt des kostenlosen Mittagessens gibt es Lunchpakete zum Abholen, belegte Brote, Obst und was Süßes. „So kann man mal mit Einzelnen sprechen und sie kommen an die frische Luft“, sagt Heun. Der Stadtteilchor ist ins Netz abgewandert. „Wir stellen fest, wie wichtig unser Außengelände ist“, berichtet Ebeling. Im Sommer hätten sich die Senioren mit dem erforderlichen Abstand auf dem Spielplatz der Kita getroffen. Viele litten unter Einsamkeit und depressiver Stimmung. Um zu signalisieren, dass ein Team im Jugendzentrum ansprechbar ist, brennt im KBS immer Licht. Heun: „Wenn jemand reden will, wir sind da.“

Und auch am Balkon wird Kontakt gehalten.

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