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Spannende Zeiten in Wiesbaden

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Wolfgang Schorlau will Zeit in Wiesbaden verbringen.
Wolfgang Schorlau will Zeit in Wiesbaden verbringen. © Volker Schrank

Wolfgang Schorlau ist der diesjährige Krimistipendiat. Beim Deutschen Fernsehkrimifestival im März soll der Autor für Spannung sorgen.

Von Oliver Beckhoff

Die besten Geschichten schreibt das Leben, besagt ein altes Sprichwort. Mit dem echten Leben haben auch die Geschichten von Wolfgang Schorlau immer etwas zu tun. Der Krimiautor thematisiert in seinen Büchern Schicksalsmomente der deutschen Geschichte.

Schorlau befasst sich mit der Arbeit der Treuhandanstalt, die die staatseigenen Betriebe der DDR in die soziale Marktwirtschaft überführen sollte. Doch auch aktuellen Themen wendet sich der Autor zu. In der Krimiserie um den ehemaligen BKA-Kommissar Georg Dengler, der als Privatermittler verborgene Zusammenhänge von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik ans Licht bringt, werden unter anderem die Bedingungen in der Massentierhaltung und die NSU-Morde thematisiert. Es geht dabei auch um Gedankenexperimente, um die Frage, wie unausweichlich der Gang der Geschichte ist.

Autor mit Fachwissen in der Jury

Denglers achter Fall, „Die schützende Hand“, ist im November 2015 erschienen. Der Kommissar taucht in das Netz von Neonazis und Verfassungsschutz ein und fängt an im Fall Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu ermitteln.

Für seine Arbeit hat Schorlau im November das mit 4000 Euro dotierte Krimistipendium der Stadt Wiesbaden erhalten. Vier Wochen lang wird er deshalb in diesem Jahr in der Stadt leben. Für Spannung soll der Krimiautor auch vom 8. bis 13. März beim Deutschen Fernsehkrimifestival sorgen. Während seines Aufenthalts bringt er sein Fachwissen als Jurymitglied ein. Außerdem soll die hessische Landeshauptstadt den Autor noch vor Ort zu einem Kurzkrimi inspirieren. Die meiste Zeit will Schorlau tatsächlich in Wiesbaden verbringen.

„Aber zur Lit-Cologne werde ich mir definitiv freinehmen“, sagt er im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau und schmunzelt.

Die Sache hat einen ernsten Hintergrund: Literaturstipendien sind oft Aufenthaltsstipendien. Über das Literaturstipendium einer Stadt in Oberbayern schrieb Ronja von Rönne in der Welt: „Der Stipendiat erhält jeden Monat achthundert Euro und muss in Pfaffenhofen an der Ilm wohnen“. Aus Sicht Pfaffenhofens mag dies die einzige Chance sein, in zeitgenössischer Literatur Erwähnung zu finden. Aus Sicht eines Jungliteraten ist es wohl die einzige Aussicht auf 800 Euro Monatseinkommen.

Auch andere Städte, die weniger bekannt sind als Wiesbaden, haben aus einem ähnlichen Kalkül heraus Literaturstipendien ausgelobt. Besonders attraktiv ist die Aussicht auf literarischen Weltruhm für Städte, die niemand kennt.

Wolfgang Schorlau hatte Glück: Er muss nicht nach Pfaffenhofen. Stattdessen wird er im März vier Wochen lang in der Villa Clementine residieren. „Ich war im vorherigen Leben schon ein paar Mal da“, sagt Schorlau über Wiesbaden. In diesem „ersten Leben“ hat er in Hessen eine Ausbildung zum Kaufmann gemacht, später eine Softwarefirma geleitet. Weil er die Stadt bereits kennt, ist er auch sicher, dass die Sache mit dem Kurzkrimi „glattgehen“ wird. „Es gibt das Bundeskriminalamt, es gibt eine Spielbank – und den NSU-Untersuchungsausschuss. Für einen Krimi sind das gute Voraussetzungen“.

Dass Schorlau in seinen Geschichten immer wieder aktuelle Themen aufgreift, hat sich „einfach so entwickelt“, sagt er. Gesellschaftlich Stellung beziehen wolle er nicht auf diese Weise. Relevant sind seine Geschichten trotzdem: „Seine Kriminalromane konfrontieren den Leser mit häufig realen politischen und wirtschaftlichen Ereignissen, die wir in der Flut der Nachrichten oftmals wieder vergessen. Seine Krimis sind bezwingend in der gezielten Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen“, sagt Wiesbadens Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz (CDU).

Dass seine Geschichten einen Beitrag leisten, das Zeitgeschehen zu reflektieren und zu verstehen, spielt der Autor herunter. Zu seinem Genre bekennt er sich allerdings klar: „Krimis versprechen am ehesten das, was wir alle vom Leben und der Literatur erwarten – nämlich Spannung.“

Manchmal erwarten aber auch Literaten Anerkennung: „Krimiautoren bekommen nicht so häufig Preise und wenn sie welche bekommen, sind sie meistens nicht dotiert. Das ist eine der himmelschreienden Ungerechtigkeiten im Literaturbetrieb. Dabei macht Kriminalliteratur 60 Prozent der Belletristik aus“, sagt Schorlau. Gesellschaftlich Stellung beziehen will der Krimiautor mit dieser Äußerung jedoch nicht – sie habe sich so ergeben.

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