Geht mit gemischten Gefühlen: Andreas Petzold.
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Geht mit gemischten Gefühlen: Andreas Petzold.

Abendrealschule

Der Weg zum späten Abschluss

Die Zukunft der Abendrealschule ist ungewiss / Schulleiter Andreas Petzold hört auf

Von Gesa Fritz

Sie ist so etwas wie ein Rettungsanker. Die letzte Chance für Menschen mit tiefen Rissen in ihrer Bildungsbiografie. Sagt Andreas Petzold. Und der sollte es wissen – schließlich leitet er die Wiesbadener Abendrealschule seit nunmehr drei Jahrzehnten. Morgen ist sein letzter Arbeitstag, dann verabschiedet sich der 60-Jährige in den Ruhestand.

Gleichzeitig brechen für die Abendrealschule schwere Zeiten an: Zum nun beginnenden Sommersemester kann erstmals seit zehn Jahren nur eine Klasse neu starten. Bis dahin war die Abendrealschule immer dreizügig. Damit haben nur 25 statt sonst 75 Erwachsene die Chance, ihren Schulabschluss auf diesem Weg nachzuholen. Die anderen müssen sich mit einem Platz auf der Warteliste begnügen.

Es fehlt an neuen Lehrern

Anders als das Abendgymnasium ist die Abendrealschule derzeit nicht von Stellenstreichungen des Kultusministeriums betroffen. Ihr fehlt es schlicht an Lehrern, um freie Stellen neu zu besetzen. Im vergangenen Halbjahr haben fünf Lehrer aufgehört – bei einem Team von insgesamt zwölf Personen. Nur zwei Neue konnten bislang gefunden werden. Und auch für Petzold selbst ist noch kein Nachfolger in Sicht. Die Leitung sollen erst einmal drei Lehrer gemeinsam übernehmen. Und das Problem wird sich in den nächsten Jahren wohl noch verschärfen. Die meisten Lehrer der Abendrealschule sind zwischen 55 und 63 Jahre alt – der Ruhestand rückt auch für sie näher.

Vielleicht sind es die Schüler, die neue Lehrkräfte abschrecken. Auf den ersten Blick sind sie kein einfaches Klientel. Viele von ihnen stammen aus sogenannten bildungsfernen Haushalten, etwa 80 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Und freiwillig kommen auch die wenigsten: Sie werden von der Agentur für Arbeit oder anderen öffentlichen Institutionen unter Androhung von Geldkürzungen zur Schule beordert – zwangsverpflichtete Volljährige, die von klein auf Schule als Strafe angesehen haben. Nur ein Drittel derer, die in das erste Semester starten, schafft laut Petzold nach zwei Jahren den Abschluss. Und dann sind die Arbeitszeiten für die Lehrer auch noch unattraktiv: Der Unterricht beginnt um 15.30 Uhr und endet erst in den Abendstunden.

Doch wenn man Petzold von seiner Schule und seinen Schülern erzählen lässt, klingt das plötzlich nach einem Traumjob. Nach Freiheiten, die die Arbeit an einer klassischen Schule nicht zulässt. Der Schulleiter versucht seine Schüler mit allen Sinnen zu gewinnen und den Unterrichtsstoff lebensnah zu gestalten. Geografie und Wirtschaftskunde vermittelt er mit Hilfe des Kapitäns eines Containerschiffes, das um die Welt fährt. Über das Internet halten Lehrer und Schüler Kontakt mit dem Mann. Mit einer anderen Klasse hat Petzold vom Schuldach aus versucht, das Ozon zu retten. Und um wirklich alle Sinne zu erreichen, inszeniert er Koch-Happenings. „Ich versuche spielerisch und in skurriler Form die Menschen zusammenzubringen“, sagt er. Es gibt wohl nicht viele Schulleiter wie ihn, die von Schülern, die eigentlich Schule hassen, reihenweise Dankesbriefe erhalten.

So ist es auch kein Wunder, dass Petzold die Schule heute mit gemischten Gefühlen verlässt. „Aber 38 Jahre im Schuldienst sind genug“, sagt er. Und mit Ruhestand hat das, was er plant, wenig zu tun. Er will sich jetzt voll seinen drei Lieblings-Elementen Kochen, Kunst und Kommunikation widmen. Ohne Stundenplan. Der Abendrealschule wünscht er neue Lehrer mit Phantasie, frischem Humor und Lust an der Arbeit. Dann hätten Schule und Schüler auch in Zukunft eine Chance.

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