Andreas Radzuweit weiß, wo die Musik spielt.
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Andreas Radzuweit weiß, wo die Musik spielt.

Erbenheimer Tonstudio

Der Sound zum Sushi

Andreas Radzuweit gibt in seinem Erbenheimer Tonstudio Filmen ihren eigenen Sound. Gemeinsam mit seinem Assistenten Lukas Bonewitz filtert er alle störenden Hintergrundgeräusche heraus, sorgt dafür, dass die Dialoge der Schauspieler nicht nach jedem Schnitt anders anhören.

Von Mirjam Ulrich

Ein Japan-Restaurant, 1967 in der DDR. Ausgerechnet. In West-Deutschland hatte gerade einmal vier Jahre zuvor das erste japanische Restaurant in Düsseldorf eröffnet. Doch der Thüringer Koch Rolf Anschütz ließ sich nicht beirren und wurde gegen alle politischen Widerstände mit seinem japanischen Restaurant – dem einzigen in der DDR – erfolgreich. Zwischen zwei und drei Millionen Gäste aus Ost und West speisten bei ihm. Diese abenteuerliche Geschichte erzählt der Spielfilm „Sushi in Suhl“, der 2010 den Hessischen Film- und Kinopreis fürs beste Drehbuch gewann und in diesem Jahr in die Kinos kommt.

Noch ist der Film nur auf der Leinwand im Tonstudio von Andreas Radzuweit zu sehen. „Wir haben den ganzen Tag Hunger, weil wir dauernd die Bilder sehen, wie sie kochen“, sagt der Ton- und Bildingenieur und lacht. Radzuweit sitzt im Regieraum seines Studios am Kreuzberger Ring vor mehreren Bildschirmen an einem digitalen Mischpult. Vier Lautsprecher hängen oben im Raum, die Wände sind mit Holzkassetten verkleidet, auch der Boden ist aus Holz – für eine gute Akustik.

Andreas Radzuweit arbeitet an der Sound-Postproduction, vertont also den Film. Gemeinsam mit seinem Assistenten Lukas Bonewitz filtert er alle störenden Hintergrundgeräusche heraus. Die Dialoge der Schauspieler klingen im Film bei jedem Schnitt anders. „Die Herausforderung besteht darin, dass eine Szene von zwei Minuten zwei Tage lang gedreht wird“, erläutert Radzuweit. „Aber im fertigen Film muss es immer gleich klingen.“

Auch die Atmosphäre – das spezifische Umgebungsgeräusch einer Szene – muss stimmig sein. Als Beispiel nennt er den Straßenverkehr in der DDR in den 1970er Jahren, der ganz anders klinge als heute. In der DDR habe es nicht nur weniger Verkehr, sondern vor allem nur Trabis gegeben, sagt er. „Das müssen wir akustisch ganz klar haben, damit die Zuschauer immer wissen, wo sie sind.“ Den Sound von Trabis kennt Andreas Radzuweit noch aus seiner Jugend. Er kam 1973 in Greifswald zur Welt und wuchs in Lubmin in der Nähe des 1995 stillgelegten Kernkraftwerks auf.

Er stammt aus einem christlichen Elternhaus, glaubt an Gott. Sein zwei Jahre älterer Bruder durfte deshalb kein Abitur machen. Er selbst wäre in der DDR vielleicht Rundfunk- und Fernsehtechniker geworden, meint er. Obwohl er im Alter von fünf Jahren mit dem Klavierspielen begann, wollte er es nicht zu seinem Beruf machen. „Dafür muss man viel üben.“ Stattdessen entschied er sich für die Kombination aus Musik und Technik und bekam 1994 einen der raren Studienplätze für Ton- und Bildtechnik an der Robert-Schumann-Musikhochschule in Düsseldorf. Fünf Jahre später fand er in Frankfurt eine Anstellung als Toningenieur und vertonte Kinofilme. Als seine Ehefrau einen Job in Mainz bekam, ließen sie sich in Wiesbaden nieder, wo sie bis heute mit Sohn Finn und Tochter Mia wohnen.

Nachdem Andreas Radzuweit von 2002 an freiberuflich gearbeitet hatte, investierte er 2006 eine sechsstellige Summe in sein eigenes Tonstudio „Klangbezirk“. Dort vertont er Kino- und Fernsehfilme, macht Sprach- und Geräuschaufnahmen für Dokumentationen sowie Werbespots. Musiker nehmen ebenfalls bei ihm auf, beispielsweise die britische Sängerin Leona Lewis, bekannt durch ihren Nummer-eins-Hit „Bleeding Love“.

In seinem Studio steht ein restaurierter Bechstein-Flügel aus dem Jahr 1895. Radzuweit, der Dozent für Musik und Medien an der Wiesbadener Musikakademie ist, komponiert auch. So hat er unter dem Titel „Sportwagenersatz“ eine Benefiz-CD mit deutschen und englischen Liedern aufgenommen. Das Album gibt es kostenfrei, wer mag, spendet stattdessen an die Organisation Plan Deutschland, die damit ein Aids-Projekt in Uganda unterstützt.

Außerdem komponiert er Filmmusik. Die für „Sushi in Suhl“ schreibt jedoch ein Berliner Komponist. „Das kommt selten vor, dass man beides macht, Sound-Postproduction und die Filmmusik“, sagt er. Dass Filme, an denen er als Klangkünstler oder Komponist beteiligt war, Auszeichnungen gewannen, erwähnt er nicht. In seinem Büro steht nicht nur eine Bibel, sondern hängt auch ein Spruch: „Es kommt nicht darauf an, was du erreichst, sondern was du wirst.“

Die Benefiz-CD ist im Internet unter www.sportwagenersatz.de erhältlich. Mehr Informationen und der Trailer zum Film „Sushi in Suhl“ finden sich unter www.sushi-in-suhl.de

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