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Das Essen wird im Freien ausgegeben. Ein Dach und eine Plane bieten Schutz vor Regen.

Wiesbaden

Sorge um Obdachlose

  • vonDiana Unkart
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Die Angebote der Teestube in Wiesbaden sind wegen der Hygieneregeln eingeschränkt. Das verschärft Probleme, die es schon vor Corona gab.

Zwei Welten, getrennt durch ein Einkaufszentrum aus Beton und Glas. Auf der einen Seite spazieren die Menschen hinaus, in der Hand die vollen Einkaufstüten. Dahinter, ein paar Meter entfernt von der bunten Fassade, warten Menschen auf eine warme Mahlzeit. In den Tüten und Taschen, die sie bei sich tragen, haben sie ihre wenigen Habseligkeiten verstaut. In der Teestube des Diakonischen Werkes Wiesbaden halten die Mitarbeiter:innen die Hilfsangebote auch unter CoronaBedingungen aufrecht. Das ist nicht einfach. Leiter Matthias Röhrig sorgt sich. Die kalten Monate stehen bevor. Was passiert, wenn die Kontaktbeschränkungen weiter verschärft werden?

Der Lockdown im März überraschte Röhrig und sein Team. Drei Tage hatte die Teestube geschlossen, dann stand fest: „Wir können nicht ins Homeoffice“, sagt Röhrig. Mit dem Bus waren die Angestellten unterwegs, um die obdachlosen Männer und Frauen mit Essen zu versorgen oder sie zu beraten.

Wie viele es sind, weiß niemand genau. Zahlen lassen sich nur schwer ermitteln. Wiesbaden will 2021 mit dem Aufbau einer Statistik beginnen. Nach Angaben der Stadt nutzen etwa 325 Menschen verschiedene Übernachtungsangebote. Es gebe jedoch auch 20 bis 25 Menschen, die diese Angebote nicht annähmen und auf der Straße übernachteten. Die Zahl derer, die nicht über einen mietvertraglich gesicherten Wohnraum verfügen, liegt deutlich höher. Diese Menschen kommen bei Freunden oder Verwandten unter. Oft teilen sich dort mehrere Menschen ein Zimmer.

Nach wie vor zieht es Menschen aus osteuropäischen Ländern nach Deutschland. Wenn sich ihr Traum von Job und Wohnung nicht erfüllt, haben sie in der Regel keinen Anspruch auf Hartz IV oder einen dauerhaften Wohnheimplatz. Für manchen ist das Leben in Deutschland auf der Straße aber trotz aller Widrigkeiten besser als ein Leben im Heimatland. In Wiesbaden sei zuletzt die Zahl von obdachlosen Geflüchteten und die der Frauen ohne feste Bleibe gestiegen, sagt Matthias Röhrig.

Seit Juni mit Einschränkungen geöffnet

Seit Juni hat die Teestube wieder geöffnet – wegen der Hygieneregeln mit Einschränkungen: Der Aufenthaltsraum darf nur von 20 statt wie sonst 60 Menschen genutzt werden, maximal für eine Stunde. „Eine Aufwärmmöglichkeit, mehr nicht“, sagt Röhrig. „Aber ich bin froh, dass wir überhaupt geöffnet haben.“ Soziale Kontakte seien das Einzige, was die Menschen noch hätten. Das Essen wird im Freien ausgegeben und mit Abstand eingenommen – unter einem Glasdach und einer Plane. Heizpilze sorgen in den nächsten Monaten für Wärme. Die Kleiderausgabe wurde ins Freie verlegt, die Zahl der Notübernachtungsbetten reduziert.

Die Einschränkungen verstärken Probleme, die es in Wiesbaden seit längerem gibt. Die Toiletten in der Teestube können auch nur noch zeitlich beschränkt genutzt werden. Der Versuch, Abhilfe zu schaffen, scheiterte. Vier privat finanzierte mobile Toilettenhäuschen in der Innenstadt sorgten für Beschwerden. Ein Runder Tisch im Rathaus soll nun über Lösungen beraten.

Ein Teil der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehört, wie viele Obdachlose, zur Risikogruppe und fällt als Unterstützung aus. Matthias Röhrig sorgt sich auch um die Menschen, die wegen der Einschränkungen nicht mehr in die Teestube kommen und in der Anonymität der Stadt verschwinden. Vor Corona besuchten täglich zwischen 80 und 120 Menschen die Teestube.

In Wiesbaden gilt während der kalten Monate, in Corona-Zeiten durchgehend seit November 2019, die sogenannte Winterregelung: Alle Obdachlosen können kostenlos in dafür vorgesehenen Unterkünften übernachten. Matthias Röhrig denkt zurzeit darüber nach, wie er und sein Team die Festtage gestalten können. „Weihnachten ist alles zu. Da mache ich mir Sorgen.“ Die Teestube soll während der Feiertage täglich wenigstens zwei Stunden geöffnet sein.

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