Ich sehe ihn in meinen Träumen

Ich sehe ihn in meinen Träumen. Er zieht durch meinen Kopf. Mit jedem Luftzug streift er mich. In jedem Geräusch höre ich ihn. Jeder Schatten trägt seine Form. Bei jeder Hand, die mich zufällig berührt, ahne ich seine Faust. Bei jeder Freundlichkeit argwöhne ich seinen Hinterhalt. Ich fürchte im Radio unser Lied. Mancher Geruch schmeckt nach ihm und schneidet mich. Sein liebstes Sommerkleid scheuert mir auf der Haut. Stehe ich vor dem Spiegel und ziehe die Lippen rot, sehe ich noch immer meine Augen blau.

Ich sehe ihn in meinen Träumen. Er zieht durch meinen Kopf. Mit jedem Luftzug streift er mich. In jedem Geräusch höre ich ihn. Jeder Schatten trägt seine Form. Bei jeder Hand, die mich zufällig berührt, ahne ich seine Faust. Bei jeder Freundlichkeit argwöhne ich seinen Hinterhalt. Ich fürchte im Radio unser Lied. Mancher Geruch schmeckt nach ihm und schneidet mich. Sein liebstes Sommerkleid scheuert mir auf der Haut. Stehe ich vor dem Spiegel und ziehe die Lippen rot, sehe ich noch immer meine Augen blau.

Wie er mich gern sah, ist mir eine Fratze. Raschelt die Hecke vor meinem Fenster, hat er sie bewegt und erst später der Wind. Jeder Laut auf der Straße kommt aus seiner Kehle. Jede Entschuldigung ist falsch durch ihn. Jeder gemeinsame Freund ist heute ein Fremder.

Jeder Spaziergang gerät zur Flucht. Jeder Hauseingang ist finster. Jeder Schlüssel dreht sich zu langsam im Schloss. Jeder Lichtschalter will zu lange gesucht werden. Jedes Lächeln wird zur Attacke, seit ich ihn so lächeln sah. Sein Humor bekümmert mich. Sein Bild bedrängt mich. Schließe ich die Augen, sehe ich, wie er gähnt, wie er isst, wie er sich nach dem Essen die Zähne leckt, wie er mit dem Handrücken seinen Mund wischt, wie er trinkt, wie er vor dem Fernseher schläft, wie er sich kratzt, wie er durch sein borstiges Haar streift, wie er mich anstarrt, wie er die Augen zusammenkneift, wie er droht, wie er Drohungen wahr macht, wie er tags darauf Tulpen bringt und dazu grinst.

Und mein Bild bedrängt mich, wie ich Tulpen nehme, wie ich ihnen Wasser gebe, wie ich trinke, wie ich neben ihm liege, unter ihm, außerhalb von allem, wie ich im Essen stochere, Wäsche wasche, Flecken ausreibe, bis die Fingernägel brechen, wie ich streite, wie ich mich wehre, wie ich unterliege, wie ich anfange, wie er aufhört, wie die Uhr kurz in die Stille tickt, wie er wieder anfängt, wie es kein Ende nimmt, wie ich nichts mehr höre, außer ihm, wie ich nichts mehr sehe, außer ihm, wie ich nichts mehr spüre, außer ihm, wie mich der Gedanke an seinen Tod tröstet, wie mich der Gedanke an meinen Tod noch mehr tröstet, wie ich ihn gewähren lasse, wie ich bei größter Hitze lange Ärmel und hochgeschlossene Blusen trage, wie ich tuschelnde Nachbarn fürchte, wie das Kind aus seinen Augen weint, wie ich mich vor beiden fürchte, wie ich den Weg nicht finde.

Jetzt muss alles neu sein: der züchtige BH, den er mir niemals unter den Weihnachtsbaum legte, das gelbe Kleid, das er draußen zu aufreizend empfände, das Essen, das er wütend von sich schöbe, das dünne Porzellan, das er gegen die Wand schlüge, das Fotoalbum, das er mit Verlogenheit füllte, das Lied im Radio, das er nicht mitsänge, der Film, der ihn langweilte, der Witz, den er nicht verstünde, die Freundin, die er mir verböte, das Lachen, das er kommentierte, der Nagellack, der ihn eifersüchtig machte, die Schuhe, die ihn klein erschienen ließen, das Parfum, das ihm zu süß wäre, die Lilien, die er mir nie schenkte, das Leben, das er nie führte und an das ich mich gewöhnen will.

Und ich ersehne die traumlosen Nächte, durch die er nicht geistert, in denen er keine Bilder malt, keine langen Schatten wirft, nichts mehr trübt, was an Licht erinnert. (stw.)

Textauszug aus dem Wiegenlieder-Projekt

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