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In Schierstein klappert's

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Die Störche nisten auf dem Gelände des Wasserwerks.
Die Störche nisten auf dem Gelände des Wasserwerks. © Michael Schick

Ingesamt 48 Störche haben am Wasserwerk im Wiesbadener Stadtteil Schierstein ihr Sommerquartier bezogen. Schon bald gibt es Nachwuchs: Die Tiere brüten bereits. Die Schiersteiner Storchengemeinschaft hat eigens Nistplätze für die Vögel gebaut.

Von Helena Henzel

Die Freude ist nicht zu überhören: Das Storchenpaar, das auf einem abgesägten Telegrafenmast im Wasserwerksgebiet Schierstein brütet, begrüßt sich mit eifrigem Schnabelklappern. Der Partner ist gerade mit neuem Material für das Nest zurückgekehrt. Doch geklappert wird nicht nur bei der Begrüßung. „Das Klappern soll auch anderen Störchen imponieren“, sagt Hubertus Krahner, der Vorsitzende der Schiersteiner Storchengemeinschaft, und zeigt auf einen Storch, der lautlos über den Horst hinweg fliegt.

Die meisten der 24 Storchenpaare, die sich auf dem Gelände von Hessenwasser eingefunden haben, brüten schon. „Hier ist das Gebiet mit der größten Storchendichte in Hessen“, sagt Krahner. Die Vögel haben ihre großen Nester in den Bäumen, auf Hochspannungsmasten und auf den Nistplätzen gebaut, die die Storchengemeinschaft anbietet. Sehr zur Freude der Tiere: „Wir haben Ende Februar einen Mast aufgestellt und am nächsten Tag waren schon die neuen Mieter da“, berichtet Krahner.

Nach dem milden Winter geht in diesem Jahr alles ein bisschen früher los. Die Störche sind etwa zwei Wochen früher als sonst aus dem Süden zurückgekehrt, haben die Storchenfreunde beobachtet. Ende April sollen die ersten Jungstörche ihre grauen Köpfchen aus den Nestern recken.

Ideal für Störche

Ein Paar steht unter besonderer Beobachtung. Im vergangenen Jahr hat der Verein eine Kamera gekauft und an einem Horst angebracht. Anfang März hat sich ein neues Paar dort niedergelassen. Aktuell zeigen die Bilder, wie die Klapperstörche abwechselnd sechs Eier ausbrüten. Jeden Tag kann der Verein einige Minuten Videomaterial abrufen und auf seine Internetseite stellen. Die Sequenzen werden oft angeklickt. „Mehr können wir nicht machen, das wird zu teuer“, sagt der Vorsitzende der Gemeinschaft mit etwa 40 ehrenamtlichen Mitgliedern. Insgesamt habe die Kamera den Verein im vergangenen Sommer 5000 Euro gekostet.

Die Störche beobachten die Besucher ebenfalls aufmerksam. Auch wenn die Vögel sich an Menschen gewöhnt haben, beschützen sie ihren Lebensraum. Eine Gänseschar läuft wild schnatternd zwischen den Klärbecken hin und her. In dem Naturschutzgebiet tummeln sich außerdem Graureiher und Pirole, hat Krahner beobachtet.

Die großen Wiesen und Wasseranlagen auf dem Gelände von Hessenwasser sind ideal für die Störche. Seit mehr als 100 Jahren wird auf dem Gebiet Trinkwasser gewonnen. Aktuell fördert die Anlage fünf Millionen Kubikmetern im Jahr und damit etwa ein Drittel des Wiesbadener Bedarfs. Die Storchengemeinschaft ist zu Gast auf dem Gelände. „Hier kommt sonst keiner rein“, sagt Krahner. So wird das Gebiet vor Giftstoffen, Lärm und Verschmutzung geschützt.

Doch auch in einem Naturschutzgebiet leben die Störche nicht völlig in Sicherheit. „Hier sind schon Störche von Füchsen gefressen worden“, sagt Krahner. Neben den natürlichen Feinden ist es vor allem Abfall, der zum Problem wird. Im vergangenen Jahr fanden die Storchenfreunde einen Vogel, der sich in einer Plastikleine verfangen hatte. Die Leine hatte er für den Nestbau angeschleppt. Da der zurückgebliebene Partner nun den ganzen Tag das Nest schützen musste, wären die Jungen fast verhungert. „Die jungen Störche waren fast ausgewachsen, brauchten noch zwei Wochen“, sagt Krahner. Der Verein fütterte die Jungen, damit sie überleben konnten.

Lebenslauf der Vögel

„Sonst füttern wir die Vögel nicht, das war eine Ausnahme“, erklärt Krahner. „Wir pflegen kranke Störche in einer Voliere und betreuen die Nester.“ Der Verein kümmert sich auch um die Beringung der Vögel. Das machen die Mitglieder allerdings nicht selbst, sondern sie helfen einem extra dazu ausgebildeten Vogelberinger. Etwa 300 ehrenamtliche Beringer gibt es im Zuständigkeitsbereich der Vogelwarte Wilhelmshaven, der neben Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen auch Hessen umfasst. Ihr dienstältester Mitarbeiter ist für Schierstein zuständig: Seit 1949 legt Richard Mohr jungen Störchen die Ringe um.

Mit Hilfe der Ringe lassen sich die Lebensgeschichten der Vögel nachzeichnen, wie Krahner erzählt. „Einer der Störche fliegt immer nach Israel.“ Wird ein Vogel gesichtet, geht eine Rückmeldung an die Vogelwarte, die den Ring umgelegt hat. Auf ihrer Internetseite zeichnet die Storchengemeinschaft den Lebenslauf eines Storches nach, der 1979 – zu diesem Zeitpunkt war das Tier vier Jahre alt – dort seinen Ring erhalten hatte. Er brütete viele Jahre in Schierstein und wurde im Januar 2007 in Frankreich tot aufgefunden. Nicht wenige Störche bleiben Schierstein verbunden: „Von den Störchen mit Ring stammen zehn aus Schierstein“, sagt Krahner. „Die können nächstes Jahr aber schon wieder woanders sein.“ Das hänge dann wiederum vom Partner ab.

1972 hatte sich in Schierstein ein Arbeitskreis gebildet, der die Störche dort vermisste. „Wir wollten, dass sich die Störche hier natürlich vermehren und wieder heimisch werden. Das Ziel haben wir erreicht“, sagt Krahner nicht ohne Stolz. Er war von Anfang an dabei, hat den ersten Bruterfolg 1975 miterlebt und den Verein 1981 mitgegründet. „Seither sind weit über 1000 Störche ausgeflogen“, berichtet er.

Vor einigen Tagen hat Krahner eine Schulklasse der Hafenschule Schierstein durch das Naturschutzgebiet geführt. „Das Interesse ist da“, sagt der Vereinsvorsitzende, der hauptberuflich als Schädlingsbekämpfer arbeitet. Bei dem Tag der offenen Tür, den der Verein jährlich anbietet, habe er alle Hände voll zu tun. In diesem Jahr lädt der Verein am 15. Juni von 10 bis 13 Uhr jeden ein, der die Schiersteiner Störche ganz nah kennenlernen möchte.

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