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Sammler leiden leise

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Von: Ute Fiedler

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Vor der Auktion werden die Marken begutachtet.
Vor der Auktion werden die Marken begutachtet. © Bernd Fickert

Im Briefmarkenauktionshaus Heinrich Köhler kommen 4500 Lose unter den Hammer

Briefmarkensammler leiden leise. Sie fluchen nicht, sie verlassen nicht fluchtartig das Zimmer und sie beschimpfen auch nicht den Nachbarn, der soeben das favorisierte Stück ersteigert hat. Nur ein leichtes Kopfschütteln oder ein irritierter Blick zum Höchstbietenden verraten ihren Gemütszustand. Briefmarkensammler freuen sich aber auch leise. Still nehmen sie es zur Kenntnis, wenn sie ein gutes Stück ersteigert haben, während die Stimme von Dieter Michelson durch den Saal hallt.

Michelson ist Geschäftsführer des Auktionshaus Heinrich Köhler, dem ältesten Briefmarkenauktionshaus Deutschlands. Heute schlüpft er in die Rolle des Auktionators. „200, 300, 400 am Fenster, 500 am Telefon, 600“, ruft er die Angebote aus, der Stift in seiner Hand wippt von links nach rechts, zeigt in die Richtung aus der das Angebot kam. „1100 zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten. Verkauft an Nummer 743.“

Nummer 743, ein Herr mit kariertem Hemd, sinkt in seinem Stuhl zusammen. Viel Zeit zum Verschnaufen bleibt nicht. Unermüdlich ertönt die Stimme des Auktionators, Zahlen schwirren durch die Luft. Man fühlt sich wie bei einem Tennismatch. Rechts, links, hinten, vorne – dass Michelson bemerkt, wer überhaupt bietet, ist bemerkenswert. Manch einer nickt lediglich, ein anderer hebt nur den Stift, und dann kommen auch noch die Angebote von Online-Bietern.

Seit Mittwoch werden im Wiesbadener Auktionshaus rund 4500 Lose verkauft – nicht etwa kleine Papierfetzen, mit denen man bei einer Tombola mit viel Glück einen Plüschelefanten gewinnen kann. Los nennt der Philatelist einen Artikel, der gerade versteigert wird, sprich: eine Briefmarke, einen Brief oder gar eine komplette Sammlung. Und mit Glück hat das Ganze auch nichts zu tun. Sondern mit Taktik.

Jochen Heddergott aus München weiß, wie man Lose ersteigert. Der 75-Jährige ist einer von etwa fünf Auktionsagenten in Deutschland. Er betreut weltweit Kunden, die nicht selbst auf Versteigerungen fahren können. Oder wollen. „Viele wollen unerkannt bleiben“, sagt der Münchner, der einmal für die Queen ein Los ersteigert hat. Oder sie wollen nicht kommen, „weil sie Angst haben, dass sie viel mehr ausgeben, als sie wollten“, erklärt er. „Das ist alles ein großes Spiel.“ Eines, bei dem auch kleine Tricks angewendet werden.

Fünf Agenten gibt es in Deutschland – und sie haben manchen Trick auf Lager

Heddergott ist selbst Sammler. Laut Karl Louis, Geschäftsführer des Auktionshauses Köhler, hat der Münchner eine der größten Indiensammlungen. Hat er ein Stück im Auge, geht er zwar selbst auf die Auktion, beauftragt jedoch einen Agenten, ihm das Stück zu ersteigern. Da sich die Sammler untereinander kennen, achten sie darauf, was der andere bietet. Steigt Heddergott aus, dann steigert manch einer ebenfalls nicht mehr mit – mit dem Gedanken: So wertvoll kann die Marke ja nicht sein, wenn Heddergott sie nicht will. Und dann kommt der Agent zum Zug.

Auch im Auktionshaus Köhler jagen sich die Agenten die Lose ab. Die Preise schießen in die Höhe. Nicht selten erzielt ein Los das Drei- oder Vierfache seines Ausgangswerts. „Am gefährlichsten sind die Sammler“, sagt Alfons Näff, Briefmarkenhändler aus Liechtenstein, der gerade in die Pause geht. „Die bieten weit mehr, als eine Briefmarke wert ist. Ein Händler muss rechnen.“

Noch hat Näff nicht viel ersteigert. Gerade mal zwei von zehn anvisierten Losen sind in seinen Besitz gewechselt. Doch der Tag ist noch jung – und auch am Samstag kommen Lose unter den Hammer. Er freue sich über die guten Preise, die erzielt würden, sagt er gönnerhaft mit einem Lachen. Der Unmut ist ihm nicht anzumerken. Auch Händler leiden leise.

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