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Richterin mit 16 Jahren

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Beim Tag der offenen Tür besichtigt ein Schüler eine Zelle im Wiesbadener Landgericht - hoffentlich zum ersten und letzten Mal.
Beim Tag der offenen Tür besichtigt ein Schüler eine Zelle im Wiesbadener Landgericht - hoffentlich zum ersten und letzten Mal. © FR/Oeser

Beim Tag der offenen Tür im Wiesbadener Landgericht gibt es Kuchen aus dem Knast - und gespielte Verhandlungen. Von Michael Grabenströer

Von Michael Grabenströer

Gericht? "War ich noch nie!", beharrt die 16-jährige Hanna Kharboush und steht doch mittendrin im Gerichtsfoyer. Am Freitagmorgen ist die Schülerin der Wolfram-von-Eschenbach-Schule am Landgericht, isst Kuchen, den die in der Gefängnisbäckerei für die Besucher gebacken haben, und mimt die Richterin - ehrlich. Für die junge Marokkanerin war klar: "Ich habe ihn verurteilt."

Marokkanerin? Schülerin? Richterin? Wie das? Auch beim Landgericht Wiesbaden, in dem neuen Gebäude an der Mainzer Straße ist das unmöglich. Aber an einem Tag der Offenen Tür wie an diesem Freitag geht das eben. Kharbousch ist Richterin und spricht ihr Urteil gegen einen Schüler, der auf dem Schulhof mit Haschisch gedealt hat. Alles nur gespielt, aber alles mit durchaus realem Hintergrund.

Landgerichtspräsident Jörg Britzke hatte die Türen des Gerichts weit geöffnet, um die Schüler und andere Besucher einzulassen. Im Innenhof zwischen Gericht und dem Verwaltungsgebäude gegenüber waren Bierbänke, die auch bei alkoholfreiem Ausschank so heißen, und Tische und Stühle aufgestellt. Essen gab es in der Cafeteria oder eben am Kuchenbuffett - original fabriziert in der Jusitzvollzugsanstalt, wie ein Knast sich nun mal offiziell nennt.

Und wer mit dem Amtsinspektor im Justizvollzugsdienst Thomas Dohm, dem Mann mit den fünf Sternen auf der Schulterklappe hinter dem Kuchentresen, redete, der erfuhr einiges über die Gefängnisbäckerei, die auch ganz "zivile" Jobs zu bieten hat. Den Bäckermeister, Verwaltungskräfte... Und manchmal trauert man auch einem Bäcker hinterher wie vor zwei Tagen: Der hatte nach viereinhalb Jahren seine Strafe abgesessen und das Gefängnis ganz legal verlassen.

Das Gericht hatte sich am Tag der Offenen Tür einiges einfallen lassen. Gespielte Verhandlungen vom Verkehrsunfall bis zum Miet- oder Erbrechtsstreit. "Echte" Verhandlungen. Draußen spielte die Wiesbadener Juristenband. Doch zuvor konnte man noch einen Blick in den originalgetreuen Nachbau einer Gefängniszelle werfen. Von Gerichtspräsident Jörg Britzke lässt sich die Schülerin Hanna ermuntern, doch noch einmal kurz am Stand vorbeizugehen, an dem die Justizbehörden, aber auch der Anwaltsverein auf die Möglichkeiten der Ausbildung bei den Gerichten hinweisen. Nachfragen will sie auf jeden Fall. Denn Hanna strebt nach dem Hauptschulabschluss noch den Realschulabschluss an. Dann zum Gericht? "Warum nicht!"

Und nach dem Erfolg dieses Tages weiß der Landgerichtspräsident, dass dies nicht der letzte Tag der Offenen Tür in seinem Haus war. Außerdem ist das Interesse an dem Gerichtsgebäude, der Nutzung, der Finanzierung ungebrochen groß. "In zwei Wochen kommen die Architekten" zum Tag der Architektur. Dann wird Britzke wieder durch das Haus führen, wie schon so oft, seit der Umzug vor einem halben Jahr über die Bühne ging.

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