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Im Reich der Schachteln

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Von: Christina Franzisket

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Ingeborg Hildmann-Lorenz zeigt im Showroom ihre Verpackungen.
Ingeborg Hildmann-Lorenz zeigt im Showroom ihre Verpackungen. © M. Schick

Die Kartonagenfabrik Pado aus Bierstadt feiert ihr 75-jähriges Bestehen mit einem Tag der offenen Tür am Dienstag. Geschäftsführerin Ingeborg Hildmann-Lorenz führt durch die Fabrik.

Versteckt in einer Gasse im alten Ortsteil von Bierstadt befindet sich das Reich der Schachteln. Hier, hinter den Türen der Kartonagenfabrik Pado, entstehen Kartons in jeder Form und Größe für jede erdenkliche Funktion, aber immer aus Pappe.

Gestapelt zu einem Turm liegen Pappbögen in der unteren Werkshalle. Maschinen schneiden und stanzen sie zurecht. Ein alter Lastenaufzug führt in den ersten Stock der Fabrik. Dort stehen die Mitarbeiter an Tischen, sie schneiden, leimen, falten und veredeln. Jeder Handgriff wurde schon Millionen Mal ausgeführt und perfektioniert, denn Schachteln machen ist Handarbeit.

Meisterin dieser Bastelei ist Ingeborg Hildmann-Lorenz. Die 70-Jährige ist Geschäftsführerin von Pado. Trotz ihres Alters gehört sie nicht zu den „alten Schachteln“. Im Gegenteil: Hildmann-Lorenz sieht viel jünger aus und ist obendrein fit wie ein Turnschuh. "Das Unternehmen und meine Mitarbeiter halten mich jung", sagt sie und lacht.

Am kommenden Dienstag, wird bei Pado 75-jähriges Firmenjubiläum gefeiert. Hildmann-Lorenz nimmt dies zum Anlass, ihr Zepter an die "Jugend" zu übergeben, wie sie sagt. "Meine Tochter und mein Schwiegersohn übernehmen den Laden", verkündet sie mit Stolz, denn Pado ist seit seiner Gründung ein Familienunternehmen.

1939 gründete Adalbert Schuster, der Großonkel von Hildmann-Lorenz, Pado in Bingen-Grolsheim. Zur damaligen Zeit tobte der Zweite Weltkrieg und es gab kein Metall für die Produktion von Dosen, um Produkte wie Schuhcreme oder Bohnerwachs zu verpacken. Schuster hatte die Idee, Rundhülsen aus Pappe mit Wasserglas, eine Art Lack, zu isolieren und daraus Dosen herzustellen. Den Verschluss fertigte er aus Pappdeckeln, die ebenfalls mit Wasserglas ausgeschlagen wurden. „Die Firma Erdal in Mainz war ein dankbarer Abnehmer dieser Dosen“, erzählt Hildmann-Lorenz. Nach dem Krieg, als es wieder Metall gab, erweiterte Schuster sein Sortiment: "Frauen gaben ihr Geld für Schönheit und Pflege aus", sagt Hildmann-Lorenz, "sie wollten schön sein, für die Männer, die aus dem Krieg zurück kamen." Bei Pado wurden daher Thekenaufsteller für Lippenstifte und Pflegeprodukte hergestellt – natürlich aus Pappe. Marken wie Astor oder Blendax präsentierten sich in Aufstellern von Pado. Der Beruf, den die Mitarbeiter von Pado ausübten, nannte sich damals "Schachtelmacher", erzählt Hildmann-Lorenz. In der Fabrik wurden Kartonagen, Rohkartons oder auch Kisten für Spirituosen produziert.

Das Geschäft hat sich verändert

Als junges Mädchen durfte Hildmann-Lorenz in den Ferien ihren Onkel besuchen. Dann half sie in der Fabrik und verdiente sich ein Taschengeld: "Mit zwölf habe ich meinen ersten Karton gemacht." Nach der Schule machte Hildmann-Lorenz sich zunächst mit einem Schreibbüro selbstständig. "Mein Onkel hatte die Firma seines Vaters übernommen und suchte eines Tages einen Nachfolger. Und der wurde ich", sagt sie.

1978 übernahm Hildmann-Lorenz Pado und zog nach kurzer Zeit mit der Firma nach Wiesbaden um. Heute beschäftigt sie sechs Angestellte und mehrere freie Mitarbeiter. "Je nach Auftragslage." Derzeit ist volles Haus bei Pado: "Es müssen mehrere Aufträge gleichzeitig gefertigt werden." Neben den fleißigen Mitarbeiterhänden helfen auch heute nur wenige Maschinen bei der Arbeit und diese stammen zum Teil noch aus den Anfängen der Firmengeschichte. "Schachteln herstellen ist immer noch vorwiegend Handarbeit", sagt Hildmann-Lorenz. Sie hat im Laufe ihrer Karriere übrigens den Titel Industriemeisterin Papierverarbeitung erworben.

In einem Showroom zeigt sie die Produktpalette: winzige Kästchen für einzelne Pralinen, flache Schachteln für große Kalender, Thekenaufsteller für Minzbonbons, edle Kisten für Sekt und runde Schachteln für Pflegeprodukte. Die Verarbeitung der Schachtel lässt schon auf die Wertigkeit ihres späteren Inhalts schließen. Hildmann-Lorenz zeigt eines ihrer edelsten Produkte: eine Kiste, mit schwarzem Leder bezogen, innen ausgelegt mit Seide. "Hier rein kamen Handtaschen im Wert von rund 2000 Euro", sagt Hildmann-Lorenz. Das Material unter dem edlen Leder ist Pappe. Für so eine schicke Verpackung könne man schon mal 150 bis 200 Euro auf den Tisch legen, sagt sie. "Aber es gibt auch Faltschachteln für 20 Cent."

Mit den Jahren habe sich das Geschäft verändert, bemerkt Hildmann-Lorenz: "Es wird schneller produziert, man muss heute flexibler sein." Aufgrund der "Geiz ist geil"-Mentalität seien viele auf der Suche nach dem billigsten Angebot. Doch Aufträge gebe es genug, denn bei Pado stelle man sich auf Kundenwünsche ein. "Wir produzieren ab einem Stück", sagt Hildmann-Lorenz und lacht. In einem kleinen Ladengeschäft können Kunden sich schicke Schachteln, etwa für Muttertagspralinen, aussuchen. Ein Online-Shop lädt auch Internetnutzer zum Einkaufen ein.

Schachteln von Pado gibt es nicht nur in Wiesbaden und Mainz. Sie wurden auch schon nach Australien und Amerika geliefert, sagt Hildmann-Lorenz. Wenn sie am Jubiläumstag ihr Geschäft an die „Jugend“ übergibt, will sie sich anschließend nicht etwa zur Ruhe setzen. "Ich habe schon eine neue Geschäftsidee", sagt sie geheimnisvoll.

Zum Jubiläum veranstaltet Pado am Dienstag, 1. April, von 13 bis 16 Uhr einen Tag der offenen Tür. Infos unter www.pado.de.

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