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Regieprofi mit 13 Jahren

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Schüler des Gutenberg-Gymnasiums gewinnen den Wettbewerb "filmreif" des Medienzentrums Wiesbaden - und haben dafür auch im Knast gedreht. Von Bastian Beege

Von Bastian Beege

Anna braust auf ihrem Skateboard die Holzstraße hinunter. Vor der Justizvollzugsanstalt bremst sie gekonnt ab und klemmt sich das Board unter den Arm. Auf diesen Tag hat die 16-Jährige lange gewartet: Denn sie will erstmals ihre Brieffreundin Chrissy besuchen, die derzeit eine Jugendstrafe im Knast absitzt. Voller Entschlossenheit läuft sie auf den Eingang zu - mit einem Blick, der die unendlich hoch wirkenden Mauern beinahe zum Einsturz bringen könnte.

Doch soweit kommt es nicht. "Stop", erschallt plötzlich eine Stimme aus dem Off. "Da kam jetzt gerade ein Auto. Wir müssen das nochmals machen." Anna dreht sich um, grinst ein wenig gequält - eine Sache hat die junge Schauspielerin, die im richtigen Leben Isabel Herzog heißt, bereits verstanden: Filmarbeit ist eine äußerst aufwendige Angelegenheit. Hingegen erweckt Regisseurin Charlotte Schonkart den Eindruck, als hätte sie ihr ganzes Leben lang nichts anderes getan, als Regie zu führen. Die 13-Jährige gibt allen Anweisungen und behält die Übersicht bei den Dreharbeiten zu dem Kurzfilm "Freundschaft mit Hindernissen".

Zehn Schüler des Wiesbadener Gutenberg-Gymnasiums beteiligen sich an dem Filmprojekt - sie sind die Gewinner des Wettbewerbs "filmreif" in der Kategorie der 14- bis 16-Jährigen. Insgesamt 20 Filmideen wurden bis zum Mai beim Medienzentrum Wiesbaden eingereicht. Anschließend traf eine Jury die Entscheidungen.

Dass am Ende "Freundschaft mit Hindernissen" den Zuschlag bekam, ist vor allem Alessa Brauckmann zu verdanken. "Die Idee zu der Geschichte habe ich aus einem Buch", erzählt die Drehbuchautorin. Die Story ist schnell erzählt: Eine Brieffreundschaft zwischen zwei Mädchen wird zu einem Labyrinth aus Gefühlen und Sehnsüchten. Chrissy sitzt wegen Drogendelikten und Einbrüchen im Gefängnis. Ihr Leben dort wird zur Hölle - nicht zuletzt, weil sie von zwei anderen Häftlingen aufs Übelste drangsaliert wird. "Es sind die Briefe, die mich am Leben erhalten", erzählt Chrissy alias Alessa. Am Ende hält sie es doch nicht mehr aus: Just an dem Tag, an dem Anna zu Besuch kommen möchte, unternimmt sie einen Selbstmordversuch.

Botschaft für die Zuschauer

Bereits zum sechsten Mal veranstaltet das Medienzentrum den Wettbewerb für junge Nachwuchs-Filmemacher. "Die Kinder und Jugendlichen sollen die Möglichkeit bekommen, einmal in diesen Beruf reinzuschnuppern", erklärt Projektleiterin Maria Weyer. "Und sie sollen erfahren, wie aufwendig Filmarbeit als solche ist."

Davon bekamen die Schüler bereits vor den eigentlichen Dreharbeiten eine Menge zu spüren: Seit Mai besuchten sie Workshops zum Thema Drehbuchschreiben und Storyboarding, auch den Umgang mit Kamera-, Ton- und Schnitttechnik mussten sie im Schnellverfahren lernen. Und schließlich die Rollenverteilung: Jeder der Beteiligten ist in die Produktion eingebunden, vom Kameramann bis zur Maskenbildnerin. Unterstützung bekommen die Jugendlichen dabei vom professionellen Filmemacher Simon Rauh.

In dieser Woche stehen die Dreharbeiten zu den Szenen im Gefängnis auf dem Programm. Auch wenn die jungen Filmemacher keinen Kontakt mit echten Häftlingen haben können, sind sie beeindruckt. "Es ist sehr spannend zu sehen, wie das hier alles aussieht", sagt Alessa, die in ihrer Häftlingskleidung gar nicht wie jemand ausschaut, der zum ersten Mal im Leben einen Knast von innen sieht. Keine Frage: Alessa hat sich mit ihrer Rolle identifiziert - und wie eine große Schauspielerin hat sie sogar eine Botschaft: "Die fiktive Chrissy zeigt dem Zuschauer, dass man die Hoffnung auch in ausweglosen Situationen niemals aufgeben darf."

Besagte Zuschauer können sich davon am Donnerstag, 1. Juli, 10. 30 Uhr, überzeugen, wenn die Filme des "filmreif"-Wettbewerbs im Caligari präsentiert werden.

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