Gehorsam (fast) bis in den Tod: Anführer Karl Moor (in der Mitte) mit seinen Männern.
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Gehorsam (fast) bis in den Tod: Anführer Karl Moor (in der Mitte) mit seinen Männern.

Wiesbaden

Räuber spielen "Die Räuber"

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Ein Theaterprojekt in Wiesbaden setzt auf kulturelle Bildung, um Strafgefangene davon abzuhalten, nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis wieder straffällig zu werden.

Normalerweise führt das Theaterprojekt Die Werft weichere Stoffe mit zarteren Charakteren und einer poetischen Lebenssicht auf. Es gehe doch um die geistige Freiheit. Da spielen Männer Frauenrollen, gerade für die Jungs im Knast eine Herausforderung, sagt Projekt-Mitbegründer Arne Dechow. Nun traute sich Regisseur Peter Protic mit Schillers Räuber erstmals, das Theaterprojekt für Gefängnisinsassen mit einer ironischen Pointe zu versehen und ließ die schweren Jungs ein raubeiniges Stück über harte Männer und testosterongesteuerte Gewalt aufführen. Der Protagonist Karl Moor, der sich vom Vater verstoßen glaubt, zieht mit seinen Gefährten mordend und brandschatzend durch die Lande und exerziert brutale Männerriten. So wie die Schauspieler das spielen, scheint es, als wüssten sie nur zu gut, was sie da darstellen.

Protic hatte dem Bühnenstück den Zusatztitel „Ein Dokumentardrama“ gegeben. Die sieben Strafgefangene präsentieren mit den Texten aus Schillers Drama nicht nur ihre eigene Gewalt-Geschichte; es werden auch Filmszenen eingespielt, in denen die Schauspieler ihren (gewiss geflunkerten) Werdegang bis zur Straftat erzählen. Jeder wolle doch reich sein und dicke Autos fahren, spricht einer in die Kamera, mit Arbeit sei das nicht zu verdienen. Also habe er sich die Dinge selbst beschafft. Ein anderer gibt zu, dass er in der Familie etwas gelten und Macht repräsentieren wollte - und als Intensivtäter endete. „Man tobt sich aus, ist voll auf Adrenalin.“ 

Ausgerechnet dieses Stück bildet gestern den kulturellen Programmpunkt anlässlich des Festakts zum Bestehen der 25-jährigen Präventionsarbeit des hessischen Landespräventionsrats. Im Publikum sitzen zahlreiche Herren in Anzug und Krawatte, die in Justiz, Polizei und Bildungswesen Kriminalitätsvorbeugung betreiben. Durch die Arbeit der 170 kommunalen Gremien und Zusammenschlüsse sowie eine große Anzahl einzelner Präventionsprojekte sei die Jugendkriminalität signifikant verringert und kriminelle Karrieren im Keim erstickt worden, sagt Justizministerin Eva Kühne-Herrmann (CDU). Ob deren Erfolgsquoten so gut ausfallen wie bei dem Theaterprojekt darf bezweifelt werden. „Von den hundert Männern, die in den zehn Jahren mitspielten, wissen wir nur von einem Rückfall“, sagt Ulrich Westermann, Vorsitzender des Fördervereins JVA Holzstraße. Die Rückfallquote liege ansonsten bei 60 Prozent. Das Theaterspielen zwinge die Gefangenen, Emotionen zu zeigen und sich so mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Besonders stolz ist er auf einen Mann, der nach seiner Entlassung eine Ausbildung als Schauspieler begann. Ein anderer, berichtet Dechow, habe eine Hauptrolle für einen Kinofilm. „Wir versuchen, die Männer kulturell so weiterzubilden wie eine bürgerliche Familie im 19. Jahrhundert“, sagt er, „mit Klavierspielen, Theater, Philosophie.“ Seit 2015 bietet das Projekt auch Musikunterricht, eine Filmgruppe, eine Schreibwerkstatt und Philosophie-Seminare an. Die Gefangenen müssen sich für die Theatergruppe bewerben. Nicht jeder eigne sich dafür. Die Teilnehmer müssten bereit sein, sich auf etwas Großes einzulassen und eine gewisse Sehnsucht nach Glück, Erfolg und dem „Weltleben“ haben. 

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